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Karl Maria Swoboda (1889–1977) 447
sens im Protektorat im deutschen Sinne ausgezeichneten Edmund Wilhelm Braun181 als
den Sonderbeauftragten für Museumsfragen im Protektorat betraf182. Dennoch wurde
durch den deutschen Staatsminister für Böhmen und Mähren Karl Hermann Frank erst
(!) am 28. September 1944 bestimmt, dass der vorher mit der Verwaltung des im Rah-
men der deutschen Sektion der aufgelösten Modernen Galerie verwalteten reichseigenen
Kunstbesitzes beauftragte Swoboda nunmehr zum Verwalter des reichseigenen Kunstgutes
in den Prager Museen bestellt werde183. Swoboda gab sich jedoch schon im Juni 1944 in
einem Schreiben an das Ministerium für Wirtschaft und Arbeit als ständiger Berater des
Staatsministers für alle musealen Angelegenheiten in Prag, Beauftragter für das reichs-
eigene Kunstgut bei den Prager Sammlungen, Vorsitzender des Bauausschusses auf der
Prager Burg und Kurator des Veitsdomes zu erkennen, und vermutlich füllte er wirklich
noch vor seiner Bestellung diese Funktionen an den kulturpolitisch bedeutendsten Ob-
jekten bereits mit hohem Maß an Eigeninitiative aus184. Indem sich Swoboda nämlich als
Ordinarius für Kunstgeschichte an der Prager Deutschen Universität deutlich in der Kul-
turbodenforschung positioniert hatte, wurde seine Standortbestimmung auf politischer
Ebene mit neuen Handlungsspielräumen in dem kunsthistorischen Praxisfeld der Museen
und der Denkmäler belohnt. Seine Machtstellung hatte aber letztlich ihre Ursache in der
Bedeutung von Kunstgeschichte bei der intendierten „Germanisierung“ Böhmens und
Mährens : Kunstgeschichte war ein öffentlicher Faktor der Kulturpolitik des Protektorats.
Trotz seines deutlich fassbaren Engagements für das NS-Regime geriet Swoboda ins
Visier des Sicherheitsdienstes der SS in Prag. Im März 1945 wurde er in einem Bericht
Stimmung und Haltung der Hochschullehrer einer oppositionellen Gruppe von Professoren
zugezählt, die angeblich eine Entpolitisierung der Wissenschaft befürworteten und eine na-
tionalsozialistische Hochschulgemeinschaft, die Dozenten und Studenten umfasst, ablehn-
ten185. Swoboda wurde hierbei auch von seiner Vergangenheit eingeholt, denn der Ver-
merk über ihn lautet : Professor Dr. Karl Swoboda, Kunsthistoriker. In erster Ehe mit einer
Jüdin verheiratet. Sohn angeblich auf der Feindseite. Sein Institut ist Treffpunkt von Auslän-
dern, vor allem Bulgaren. Eine Nichtarierin, ein Fräulein Cohen, die Studiensondergenehmi-
gung hat, hört bei ihm. Swoboda hält besonders engen Kontakt mit den Prager Konsulaten.
181 Braun an Dr. Heckel, 25.09.1942. NA (wie Anm. 145), K. 534.
182 Von Both an Braun über den Kopfstempel des Sonderbauftragten für das Museumswesen, Prag, 20.04.1944.
NA (wie Anm. 145), K. 534.
183 Heckel an Swoboda, Prag, 28.09.1944. NA (wie Anm. 145), K. 535.
184 Swoboda an das Ministerium für Wirtschaft, 05.06.1944. ANG (wie Anm. 155).
185 Bericht des SD-Leitabschnitts Prag, verfasst zwischen 15. und 22.03.1945 von Walter Jacobi, für das RSHA
in Berlin und zur Kenntnisnahme K. H. Franks, NA, Německé státní ministerstvo pro Čechy a Moravu 110-
4-529. Den Hinweis auf diese Quelle gab und den Quellentext übermittelte mir dankenswerterweise Karel
Hruza.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Österreichische Historiker
- Subtitle
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Volume
- 2
- Author
- Karel Hruza
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 678
- Keywords
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Category
- Biographien