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454 Johannes Holeschofsky
Herodots den jungen Hantsch begeisterte15 und er auch bei der Deutschmatura ein histori-
sches Thema wählte16, ausgeprägt erst in der Melker Novizenzeit hinzu : Die Beschäftigung
mit der Stiftsgeschichte führte zu einem allseits gelobten Vortrag vor den Mitbrüdern, der
Prior ermunterte Hantsch zu eigenen Studien17. Zwischenzeitlich erwog dieser aber auch ein
Psychologiestudium18. Als er vor der Wahl zwischen dem endgültigen Eintritt ins Kloster und
dem Weltpriestertum stand, begann für ihn eine Phase des Schwankens ; schon den Maturan-
ten hatte eine kurze Romanze grundsätzlich am Priesterberuf zweifeln lassen. Das vorrangige
Motiv für das Weltpriestertum war Heimweh, der Wunsch, im geliebten Böhmen nahe von
Eltern und Verwandtschaft bleiben zu können19. Auch Angst war da, ihm würde, wenn der
Abt stirbt, als seinem Verwandten nichts Gutes zuteil werden20. Und dann tauchte da noch der
Wunsch nach mehr persönlicher Autonomie und Selbstverwirklichung auf, ein Streben, dem
Hantsch selbst mit reservierter Scheu gegenüberstand und von dem er sich schnell und willig
abbringen ließ21. Schließlich wurde der Einfluss von Autoritätspersonen gesucht und bejaht,
um die Entscheidung nicht selbst fällen zu müssen : Die Patres des Prager Emmaus-Klosters
rieten dem Novizen, Mönch zu werden, und Hantsch folgte, wie befreit, diesem Rat22.
Seinen Geschwistern gab der junge Mann, trotz seiner Zweifel über den eigenen einzu-
schlagenden Lebensweg, früh Sicherheit und Halt. So sorgte er sich um den Bruder Josef
(„Pepi“), der als Zensor nach Feldkirch ging und betreute ihn als Student von seinem
Studienort Innsbruck aus aufs fürsorglichste, ermahnte ihn und erteilte ihm Ratschläge,
war besorgt über ausbleibende Antworten per Post23.
Auch Gerechtigkeit war ihm ein Anliegen. Als ein Jesuit nach Melk kam, um alte Hand-
schriften zu studieren, und von den Benediktinern aufgrund der traditionellen Rivalität der
beiden Orden mit Reserviertheit empfangen wurde, schrieb der Novize, er möge es nicht,
wenn Gäste unterschiedlich aufgenommen würden : Für alle habe das Prinzip benediktini-
scher Gastfreundschaft zu gelten24. Die Vielfältigkeit der Welt war für den jungen Geistli-
chen kein Ärgernis, auch überwog die Neugier manchmal die Angst vor dem Unbekannten.
In der Literatur wird hervorgehoben, dass Hantsch freundschaftliche bzw. korrekte Ver-
hältnisse zu protestantischen, jüdischen und slawischen Mitbürgern unterhielt25. Zwischen
15 Ebd. Tb.1, Eintrag 10.12.1912.
16 Ebd. Eintrag 19.06.1913.
17 Ebd. Tb. 2, Eintrag 26.11.1913.
18 Ebd. Tb. 1, Eintrag 15.01.1913.
19 Ebd. Tb. 4, Eintrag 16.08.1917.
20 Ebd.
21 Ebd.
22 Ebd. Eintrag 01.09.1917.
23 Ebd. Eintrag 04.12.1915
24 Ebd. Eintrag 12.09.1916.
25 Hamann, Nekrolog (wie Anm. 1) 340f.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Österreichische Historiker
- Subtitle
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Volume
- 2
- Author
- Karel Hruza
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 678
- Keywords
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Category
- Biographien