Page - 456 - in Österreichische Historiker - Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Image of the Page - 456 -
Text of the Page - 456 -
456 Johannes Holeschofsky
gezwungen, ein Ultimatum zu stellen, schrieb Hantsch in den Sommertagen des Jahres
191430. Kurzfristig wurde eine Einberufung auch der jungen Geistlichen überlegt. Hier
siegte der jugendliche Patriot über den früh um die Leiden des Krieges Wissenden : Oh,
dass ich doch auch in den Krieg ziehen dürfte !31 Dann unterblieb jedoch der Einberufungs-
befehl32 und Hantsch studierte, da er Lehrer am Melker Stiftsgymnasium werden wollte,
von 1914–1918 Theologie am jesuitischen Collegium Canisianum in Innsbruck.
III. Der werdende Historiker – Prägungen in Innsbruck und
Wien
Die Auflösung der Habsburgermonarchie und ihre Folgen muss der junge Hantsch wie
viele seiner Zeitgenossen als fundamentale Erschütterung empfunden haben ; leider bre-
chen die Jugendtagebücher zu dieser Zeit ab. Hantsch blieb in Innsbruck und begann 1918
an der dortigen Universität ein bis 1922 dauerndes Studium der Geschichte, Germanistik
und Geografie (Lehramt). Er promovierte 1921 mit dem noch ganz seiner vorangehenden
Laufbahn verpflichteten Thema „Die rechtlichen Grundlagen in der klösterlichen Auf-
nahmeordnung des heiligen Benedikt“. Seine akademischen Lehrer im historischen Fach
waren vor allem der klerikale „ultramontane“ Ignaz Philipp Dengel, ein Schüler Ludwig
von Pastors, sowie sein Doktorvater, der Mediävist Steinacker33. Hantsch behielt beide
Professoren trotz ihrer unterschiedlichen Weltanschauungen als hervorragende Lehrende
in Erinnerung. Steinacker, unter seinen Studenten als glänzender Redner beliebt, war un-
garndeutscher Protestant und Sohn des ungarn- und ausgleichsfeindlichen deutschnatio-
nalen Politikers Edmund Steinacker. Er gilt als der eigentliche Vater der „gesamtdeutschen
Geschichtsauffassung“, die zwischen „österreichischer“ und „preußischer“ Geschichts-
auffassung vermitteln und somit den Anschluss Österreichs von 1938 vorbereiten sollte.
Steinacker diente das hochmittelalterliche Regnum der Ottonen, Salier und Staufer als
idealisiertes Vorbild eines kommenden großdeutschen Nationalstaates34. Die religiöse Di-
30 Ebd. Tb. 3, Eintrag 26.07.1914.
31 Ebd. Eintrag 30.07.1914.
32 Ebd. Eintrag 03.08.1914.
33 Zu Steinacker vgl. Renate Spreitzer, Harold Steinacker (1875–1965). Ein Leben für „Volk und Geschichte“,
in : Österreichische Historiker 1900–1945. Lebensläufe und Karrieren in Österreich, Deutschland und der
Tschechoslowakei in wissenschaftsgeschichtlichen Porträts, hg. v. Karel Hruza (Wien/Köln/Weimar 2008)
191–223 ; Anna Schader, Harold Steinacker (1875–1965). Sein Weg in den Nationalsozialismus (phil. Diss.,
Klagenfurt 1997).
34 Harold Steinacker, Vom Sinn einer gesamtdeutschen Geschichtsauffassung, in : ders., Volk und Ge-
schichte. Ausgewählte Aufsätze und Reden (Brünn/München/Wien, 1943) 89–110, hier 100–102, 107–110.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Österreichische Historiker
- Subtitle
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Volume
- 2
- Author
- Karel Hruza
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 678
- Keywords
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Category
- Biographien