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458 Johannes Holeschofsky
1923–1925 laufenden 34. Ausbildungskurs am IÖG in Wien, ohne die Abschlussprüfung
abzulegen39. Zu seinen Kurskollegen gehörten unter anderen Franz Huter und Alphons
Lhotsky. Zum Förderer seiner frühen wissenschaftlichen Laufbahn wurde Srbik40. Srbik
stand zu dieser Zeit auf einem ersten Höhepunkt seines Ansehens als Gelehrter. 1925 er-
schien der erste Band seiner monumentalen Metternich-Biografie. In seiner Jugend Schö-
nerianer und Angehöriger der schlagenden Burschenschaft Gothia41, errang Srbik durch
sein Buch über Metternich auch in „vaterländischen“ und klerikalen Kreisen als „Apo-
loget“ nicht nur des konservativen Prinzips im Allgemeinen, sondern Metternichs und
damit auch der Habsburgerdynastie im Besonderen eine Respektabilität, die er zumindest
bis 1938 beibehielt42. Tatsächlich ist das Werk eine partielle Apologie Metternichs.
Srbik war bestrebt, Metternich vom Stigma, das ihm die kleindeutsche Historiografie
angeheftet hatte, abwechselnd ein gesinnungsloser Ränkeschmied und ein reaktionärer
„Prinz der Finsternis“ zu sein, zu befreien und ihn als einen Denker zu präsentieren, der
sich unter anderem an seinem protestantischen Lehrer Christoph Wilhelm von Koch,
dem protestantischen Historiker Arnold Heeren und dem virtualistischen Kant-Schü-
ler und Kant-Kritiker Karl Wilhelm Bouterwek, einem großen Vorbild seines zweiten
Lehrers Niklas Vogt, orientierte43. Als Kernprogramm von Metternichs ideologischem
„System“, das ihm Srbik postum zuschrieb, wurde das „Apostolat der gesellschaftlichen
Erhaltung“ genannt44.
Dieses zeige sich in der engen Verbindung von innenpolitischer Stabilität mit außen-
politischer Existenzfähigkeit eines Staates und in der dadurch begründeten Gehorsams-
verpflichtung des einzelnen Staatsbürgers gegenüber der Staatsgewalt, die allein durch
das positive Recht legitimiert ist. Srbiks Lob des Staatskanzlers als „Staatsmoralisten“
stellte hier Metternich als Geistesverwandten Leopold von Rankes dar. Wo er aber Met-
ternich bescheinigen musste, dass dieser versucht habe, Politik nach naturrechtlich fun-
dierten Prinzipien zu machen, da entzog der Biograf dem Dargestellten das Wohlgefallen.
Metternichs rein statischem, rationalistischem Denken sei die irrationale Dynamik der
39 Siehe Hamann, Nekrolog (wie Anm. 1) 348 ; Leo Santifaller, Das Institut für österreichische Geschichts-
forschung. Festgabe zur Feier des zweihundertjährigen Bestandes des Wien Haus-, Hof- und Staatsarchivs
(Veröff. des IÖG 11, Wien 1950) 143 ; Alphons Lhotsky, Geschichte des Instituts für österreichische Ge-
schichtsforschung 1854–1954 (MIÖG Erg.-Bd. 17, Graz/Köln 1954) 371.
40 Siehe Hamann, Nekrolog (wie Anm. 1) 348.
41 Ludwig Moos, Bildungsbürgertum, Nationalproblem und demokratisches Zeitalter. Studien zum Werk
Heinrich Ritters von Srbik (Freiburg i. Br. 1967) 7.
42 Siehe Werner Näf, Nekrolog Heinrich von Srbik, in : HZ 173 (1952) 95–102, hier 97.
43 Heinrich Ritter von Srbik, Metternich. Der Staatsmann und der Mensch 1 (Unveränderter fotomechanischer
ND der ersten Auflage von 1925, München 1957) 350–414.
44 Srbik, Metternich (wie Anm. 43) 414–420.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Österreichische Historiker
- Subtitle
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Volume
- 2
- Author
- Karel Hruza
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 678
- Keywords
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Category
- Biographien