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460 Johannes Holeschofsky
ins Gericht : Die „Gier nach Mammon“ sah er überall um sich greifen53. Der niedere Adel
sei durch diese Entwicklungen bedroht worden : gefangen im eigenen überalterten Ehren-
kodex, habe er sich durch Städte und Landesfürstentum in „seiner Freiheit betrogen und
seiner Rechte beraubt“, in seinen Einkünften eingeschränkt gefühlt54. Doch in seiner Not
habe er Willkür mit Willkür vergolten, zum Fehderecht aus nichtigem Anlass gegriffen,
im Raubrittertum und Strauchdiebstahl geendet55. Gier und Hass, nach Augustinus die
beiden Todsünden, hätten sich in logischer Abfolge überall ausgebreitet. Dabei wären
die Schwächsten, die zumeist keine Möglichkeit zur ständischen Organisation besaßen,
die Bauern also, am meisten zu Schaden gekommen. Freilich war dieses frühneuzeitliche
Bauerntum keine homogene Masse : Noch vor Günther Franz betonte Hantsch das Selbst-
bewusstsein, das Pochen auf alte Rechte durch wohlhabende Bauern im schwäbischen
Kerngebiet der großen Revolte ebenso wie deren drohende Übervorteilung durch rechtli-
che Neuerungen, unterließ aber auch nicht den Seitenblick auf ärmere Bauern, die durch
bäuerliche Erbteilungen zu kurz gekommen waren, und auf innerbäuerliches Konfliktpo-
tenzial56. Das Zusammenspiel von städtischen und ländlichen Unterschichten, auch eine
der am hartnäckigsten behaupteten Thesen marxistischer Bauernkriegsforschung, war für
Hantsch eine Tatsache.
Nur ein Stand war für den katholischen Historiker in seiner Gesamtheit integer und
moralisch geblieben : der Klerus. Er war und blieb für Hantsch Träger „aller geistigen Kul-
tur des deutschen Volkes“57. Dass die Geistlichkeit auch weltlichen Besitz angehäuft hatte,
war für Hantsch kein Frevel gegen die Natur des Christentums, sondern zivilisatorische
Notwendigkeit58. Doch hätte die Kirche, laut Hantsch selbst unter einzelnen dekadenten
Renaissancepäpsten ihrer Weltmission getreu, ihre hochmittelalterliche Macht verloren und
damit auch die Möglichkeit, ihren moralischen Anspruch durchzusetzen59. Aber reich sei
sie immer noch gewesen, in Deutschland zumindest. „Auf diese Weise kam ein Gegensatz,
ein Widerspruch in die bestehenden Verhältnisse.“60 Und der sei nun ausgenutzt worden :
Gräuelpropaganda und maßlose Polemik hätten alle Besitzgier und alles Ressentiment, das
die Stände entzweite, gebündelt, sie gegen die Kirche gerichtet und diese zum Sündenbock
gemacht. Antiklerikalismus sei zum kleinsten gemeinsamen Nenner der deutschen Na-
tion geworden, der sich freilich im Anti erschöpfte, über Destruktion nicht hinausgereicht
53 Ebd. 44.
54 Ebd. 19.
55 Ebd. 19f.
56 Ebd. 72.
57 Ebd. 32.
58 Ebd. 33.
59 Ebd. 34.
60 Ebd.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Österreichische Historiker
- Subtitle
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Volume
- 2
- Author
- Karel Hruza
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 678
- Keywords
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Category
- Biographien