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Hugo Hantsch (1895–1972) 461
habe61 ; Antiklerikalismus gleichsam als frühneuzeitlicher „Sozialismus der Dummen“.
Prädikanten, verwahrloste, neiderfüllte, ungebildete Verwalter eines Kirchengutes, das ihre
Habsucht anstachelte, hätten Mordlust verbreitet und Hass geschürt. Dass dieser, latent im-
mer vorhanden, sich nun derart massiv manifestierte, daran sei teilweise ein Missverständ-
nis schuld gewesen62. Aus Luthers „schwer verständlicher“ Schrift „Freiheit eines Christen-
menschen“ seien nun auch wirtschaftlich-politische Forderungen abgeleitet worden, die
Ablehnung der Leibeigenschaft etwa, die über des Reformators „erbarmungslosen Kampf
mit der alten Kirche“ hinausgegangen seien63. Doch ein einheitliches, in sich geschlossenes
Programm zum Aufbau einer neuen gesellschaftlichen Ordnung sei nicht entstanden64, von
der Ausnahme des „Propheten“ Thomas Müntzer abgesehen, der allerdings für Hantsch als
wirrer Endzeitschwärmer Diesseits und Jenseits verwechselte65. Weitgehend folgte Hantsch
der Interpretation des Bauernkrieges durch Johannes Janssen in dessen scharfer Polemik ge-
gen eine orthodox-lutherische Historiografie, die den Bauernkrieg von der reformatorischen
Bewegung und dem Gedankengut Martin Luthers abgrenzte66. Allerdings sah Hantsch die
Rolle Luthers nun differenzierter, ohne ihn aber als Verteidiger der weltlichen Ordnung
aufzufassen oder gar Sympathien für seine Theologie zu bekunden. Im festgestellten Zu-
sammenspiel aller aufrührerischen Stände ergab sich ein weiterer Berührungspunkt mit der
marxistisch-leninistischen Analyse, die bekanntlich in auch innermarxistisch umstrittener
Berufung auf Friedrich Engels von einer gemeinsamen „frühbürgerlichen Revolution“ des
„bürgerlichen“ Luthertums und des ausgebeuteten „gemeinen Mannes“ sprach67. Auf eine
Gesamtschau der damals verwertbaren Literatur aufgebaut, besitzt Hantschs Darstellung
der Bauernkriege vielleicht einen Vorteil gegenüber den Arbeiten berühmter Einzelforscher,
die vor allem von intensiven Quellenstudien über eine spezifische Region ausgehen. Die
Kernfrage der Gesamtbetrachtung des Jahres 1525/26, warum die Idee des sozialen Auf-
ruhrs Menschen aus so heterogenen Besitzverhältnissen und mit so unterschiedlichen poli-
tischen Vorstellungen zeitgleich zu einer flächenübergreifenden Protestbewegung bündelte,
wird durch Hantschs Hinweis auf den Antiklerikalismus als „kleinsten gemeinsamen Nen-
ner“ auf eine Weise beantwortet, die Anklang bei heutigen Frühneuzeithistorikern fand68.
61 Ebd. 31f.
62 Ebd. 113f.
63 Ebd.
64 Ebd. 136f.
65 Ebd. 272f.
66 Johannes Janssen, Geschichte des deutschen Volkes seit dem Ausgang des Mittelalters. Zustände des deut-
schen Volkes seit dem Beginn der politisch-kirchlichen Revolution bis zum Ausgang der sozialen Revolution
von 1525 2, hg. v. Ludwig von Pastor (Freiburg i. Br. 51915) 498–552.
67 Siehe Friedrich Winterhager, Bauernkriegsforschung (Darmstadt 1981) 125–146.
68 Vgl. etwa Hans-Jürgen Goertz, Deutschland 1500–1648. Eine zertrennte Welt (Paderborn 2004) 144–146.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Österreichische Historiker
- Subtitle
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Volume
- 2
- Author
- Karel Hruza
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 678
- Keywords
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Category
- Biographien