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Hugo Hantsch (1895–1972) 463
gehend – die „gesamtdeutsche Geschichtsauffassung“ Srbiks übernommen73. Trifft das
zu ? Tatsächlich rühmte Srbik in seinem Habilitationsgutachten an dem Werk, dass der
Autor mit Freimut die Spannungen zwischen Kaiser und Reichsinteresse anspreche sowie
die offensichtliche Verhüllung des Hausinteresses durch das Reichsinteresse bei Josef I.
bemängle74. Und als in der Besprechung der Habilitationskommission Alfons Dopsch
missgünstig einwendete, er wundere sich sehr, dass Hantsch sich nicht in Innsbruck ha-
bilitiere, wo er ja offensichtlich hingehöre, da beruhigte ihn Srbik, Hantsch sei eher sein,
Srbiks, eigener Schüler als der des klerikalen Dengel75. Allerdings kritisierte Hantsch die
habsburgischen Partikularbestrebungen vor allem dort, wo sie sich gegen die Kurie richte-
ten, wo es um einen Besitzstreit um alte Reichslehen in Italien ging. Der Historiker stieß
sich hier also nicht am mangelnden deutschen, sondern am mangelnden katholischen
Einheitsgefühl Josefs I., anders übrigens als sein Protagonist, der Kleriker Schönborn, der
voll und ganz die kaiserliche Partei ergriff76.
Entscheidend für das Verständnis der Biografie ist, dass Schönborn, zunächst Vertreter
des sehr dynastiebewussten Oheims, der das Prestige des eigenen Hauses mit dem des
Reiches gleichsetzte und die eigenen Interessen gegen die Habsburger gewahrt wissen
wollte, schließlich im Lauf seiner persönlichen Entwicklung zum loyalen österreichischen
Patrioten wurde. Er erkannte, dass nur oder vielmehr nicht einmal der Kaiser das tradi-
tionsbehaftete, oft als eigentlicher Kern des Reiches bezeichnete dritte Deutschland vor
dem Partikularinteresse vornehmlich Preußens schützen konnte77 und dass „Kaiser und
Reich eine untrennbare Einheit“ bildeten78. Ein anderes Kaisertum als das habsburgische
war für Schönborn aber undenkbar79. Der Mann aus dem rheinländischen Geschlecht
vermochte mit der Reichsvizekanzlei eine seit der Einrichtung einer österreichischen
Hofkanzlei 1620 mit mehr Würde als Macht versehene Institution allein durch die In-
tegrität und Kraft seiner Persönlichkeit und durch das Gehör, das er bei Josef I. und
Karl VI. wegen seiner kritischen Loyalität fand, wesentlich aufzuwerten80. Nun wurde das
„konservative Genie“ zum antipreußischen Rufer in der Wüste und somit zum Gottsei-
beiuns der zeitgenössischen preußischen Politik sowie der protestantisch-kleindeutschen
73 Tölg, Ideologie (wie Anm. 1) 15f. Dies aufgrund einer Widmung Hantschs an Srbik, in der der Autor sein
Buch tatsächlich als einen „Beitrag zu einer gesamtdeutschen Geschichtsauffassung“ bezeichnete.
74 UAW, Referat Srbik (wie Anm. 69).
75 UAW, Protokoll (wie Anm. 72).
76 Hugo Hantsch, Friedrich Karl Graf von Schönborn (1674–1746). Einige Kapitel zur politischen
Geschichte Kaiser Josefs I. und Karls VI. (Salzburger Abh. zu Wissenschaft und Kunst 2, Augsburg 1929)
92–119.
77 Ebd. 357.
78 Ebd.
79 Ebd. 358.
80 Ebd. 73f.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Österreichische Historiker
- Subtitle
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Volume
- 2
- Author
- Karel Hruza
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 678
- Keywords
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Category
- Biographien