Page - 467 - in Österreichische Historiker - Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Image of the Page - 467 -
Text of the Page - 467 -
Hugo Hantsch (1895–1972) 467
menhang insbesondere die Teilung der Habsburger in zwei Linien durch Karl V.97 Für
Hantsch trug an der zunehmenden Zerrüttung des Reiches die Uneinigkeit der Stände die
Alleinschuld, die habsburgische Teilung sei aus Gründen der Staatsräson unvermeidlich
gewesen und habe hervorragend funktioniert98. Den katholischen wie protestantischen
Konfessionalismus machte Srbik gleichermaßen für den Tiefstand der deutschen Macht
im 17. Jahrhundert verantwortlich, er würdigte jedoch auch die Gegenreformation, inso-
fern sie „deutsche Kulturgüter geschaffen“ habe99. Hantsch sah in der Gegenreformation
ausdrücklich keine nationale, sondern eine staatliche und politische Tat, an der er aus
ethischer Sicht so manche übertriebene Grausamkeit missbilligte100.
Friedrich der Große war für Srbik aufgrund seiner aufklärerisch-rationalistischen Denk-
weise und seiner französischen Sprechweise kein echter Deutscher. Durch den Raub Schle-
siens habe er die Habsburgermonarchie „entdeutscht“. Für sein „heldisches“, zukunftswei-
sendes Verhalten im Siebenjährigen Krieg wurde er wiederum als vorbildlich hingestellt101.
Hantsch dagegen fokussierte vor allem den „Mangel jeder formalen Rechtsgrundlage“ für
Friedrichs Attacke. Nie „hätte ein Reichsfürst sich über das Reichsrecht mit Gewalt in den
Besitz eines Mitstandes setzen“ dürfen102. Für Srbik beging Kaiser Franz II. 1804 durch
die Erklärung des Kaisertums Österreich eine Usurpation103, für Hantsch übertrug er be-
rechtigterweise aufgrund der immerwährenden treuen Verteidigung der Christenheit durch
seine Dynastie die Reichsidee, die die anderen Stände in ihrer Selbstsucht längst verraten
hätten, auf das Kaisertum Österreich104. Srbik wollte „mit Fug“ die reindeutschen Länder
der Habsburgermonarchie in staatsrechtlicher, die übrigen habsburgischen Länder in völ-
kerrechtlicher Verbindung mit dem neuen Deutschland sehen. Er legte so ein klares Be-
kenntnis zur Anschlussidee ab, die im Widerspruch zur Pragmatischen Sanktion, nicht aber
zur Landesherrschaft der Habsburger an sich steht105. Zum partikularistischen Verräter an
der deutschen Einheit wurde für ihn Felix zu Schwarzenberg106. Für Hantsch hingegen lebte
die alte übernationale Reichsidee im österreichischen Kaiserstaat als legitimem Nachfolger
des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation weiter107. Dies war gleichbedeutend
97 Ebd. 43.
98 Hantsch, Entwicklung (wie Anm. 95) 34–36.
99 Srbik, Deutsche Einheit (wie Anm. 96) 52.
100 Hantsch, Entwicklung (wie Anm. 95) 59.
101 Srbik, Deutsche Einheit (wie Anm. 96) 99–106.
102 Hantsch, Entwicklung (wie Anm. 95) 99.
103 Srbik, Deutsche Einheit (wie Anm. 96) 161–163.
104 Hantsch, Entwicklung (wie Anm. 95) 146f.
105 Srbik, Deutsche Einheit (wie Anm. 96) 382. Ebd. spricht sich Srbik für die „großdeutsche“ Lösung im
Sinne Vinckes und gegen die „großösterreichische“ im Sinne Mühlfelds aus.
106 Ebd. 397f.
107 Hantsch, Entwicklung (wie Anm. 95) 152.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Österreichische Historiker
- Subtitle
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Volume
- 2
- Author
- Karel Hruza
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 678
- Keywords
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Category
- Biographien