Page - 468 - in Österreichische Historiker - Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Image of the Page - 468 -
Text of the Page - 468 -
468 Johannes Holeschofsky
mit einer Absage an einen modernen, geschlossenen deutschen Nationalstaat, in dem letzt-
lich auch Srbik den berechtigten Vollender des machtvollen Kaisertums mittelalterlichen
Ursprunges sah, das er freilich auf irgendeine Art und Weise mit der Beibehaltung der
habsburgischen Landesherrschaft kombinieren wollte.
Zur Interpretation der Reichsidee lässt sich zusammenfassend feststellen, dass Srbik
den Habsburgern Beifall zollte, sofern sie ihrer gesamtdeutschen Aufgabe gerecht wurden.
Diese hätte einerseits in der Verfolgung der „deutschen Einheit“ bestanden, andererseits
aber in Anknüpfung an die imperiale und koloniale „Mission“ des deutschen Hochmit-
telalters in Mittel- und Osteuropa. Die religiöse Legitimierung schadete nicht, soweit
sie ihnen dabei nicht im Wege stand. Verzettelten sie sich in außerdeutsche Missionen
und eigendynastische Interessen, so trugen sie ebenso am Reichszerfall Schuld wie etwa
der „Partikularismus“ der protestantischen deutschen Reichsfürsten. Nach 1804 hätten
sie sich die Reichsidee widerrechtlich angeeignet. Srbik betonte dabei in der Tradition
seines Vorbildes Ranke, dass ein Historiker alles in seinem historischen Zusammenhang
zu verstehen habe und keine unmittelbaren Werturteile fällen dürfe108. Letzten Endes
waren jedoch „deutsch“ oder „undeutsch“ seine eigenen, allem anderen übergeordneten
Kriterien der Weltanschauung.
Hantsch dagegen sah die Reichsidee unmittelbar im göttlichen Recht begründet, als
ethisch verstandenen Auftrag zur Herstellung und Verteidigung der christlichen Rechts-
ordnung. Indem die Habsburger ihre ererbte Verpflichtung, Schirmherr der Christenheit
zu sein, immer wahrgenommen hätten, hätten sie auch gleichzeitig zwangsläufig ihrer
deutschen Herkunft alle Ehre gemacht und gesamtdeutsche Interessen vertreten. Für
Hantsch konnte zwischen diesen und jenen der übernationalen europäischen Völker- und
Rechtsgemeinschaft kein Widerspruch bestehen. Der österreichische Staatsgedanke sei
der legitime Nachfolger des alten übernationalen Reichsgedankens, damit werde, wie aus
seiner Argumentation hervorgeht, das Problem der Rolle Österreichs in einem neu geord-
neten Deutschland letztlich zu einem Sekundärproblem.
Ideengeschichtlich sympathisierte Srbik mit einer spezifisch deutschen, katholischen
Tradition, in der protestantische und neukantianische Elemente sich mengten und die
erkenntnistheoretisch Platon vor Aristoteles den Vorzug gab (Tübinger Schule)109. Neu-
scholastik und „Ultramontanismus“ wurden abgelehnt. Moralisch im Sinn Srbiks war es,
dass ein Staatsbürger sich nicht gegen die Staatsgewalt auflehnte, andererseits verlangte
die völkische deutsche Nationalstaatsidee gebieterisch nach dem ethnisch reinen Groß-
108 Srbik, Deutsche Einheit (wie Anm. 96) 7f.
109 Heinrich Ritter von Srbik, Geist und Geschichte vom deutschen Humanismus bis zur Gegenwart 2 (Mün-
chen/Salzburg 1950) 62–64. Srbik würdigt Hermann von Grauert und den Theologen und Kirchenhistoriker
Sebastian Merkle, kontrastiert die beiden anschließend mit Ludwig von Pastor.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Österreichische Historiker
- Subtitle
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Volume
- 2
- Author
- Karel Hruza
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 678
- Keywords
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Category
- Biographien