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Hugo Hantsch (1895–1972) 471
preußische Sichtweisen trotz Srbiks „mutigen“ Vorstößen noch immer so weit ausein-
anderklafften, stufte dieses Buch also als eine von Srbik durchaus unabhängige Arbeit
ein116. Dagegen verfasste Wilhelm Schüssler, ein alter Freund Srbiks und Verfechter der
„Gesamtdeutschen Geschichtsauffassung“, 1935 eine zustimmende Kritik und lobte das
„glänzende Werk“, welches meisterhaft das „Herauswachsen des österreichischen Staats-
gedankens aus dem deutschen Reichsgedanken“ behandle117. Die eher allgemein gehal-
tene Rezension zeigt aber eine Zäsur nicht der Grundeinstellung, sondern der öffentli-
chen Wahrnehmung und auch der Selbstpräsentation des Historikers Hantsch. Bis dato
wurde er, wiewohl durchaus eigenes Gedankengut vertretend, doch vor allem als „Srbik-
Mann“ betrachtet und dementsprechend behandelt. Er tat auch nichts, um diesem Urteil
entgegenzutreten, sondern genoss die Gunst der Verbindungen seines Mentors. Von nun
an aber hisste Hantsch die eigene Flagge und segelte gegen sich stetig verstärkenden
Gegenwind an.
VI. Eine Geschichte Österreichs, Teil 1
Hantsch erarbeitete während einer umfangreichen universitären und außeruniversitären
Tätigkeit in Graz ab 1935 den ersten Band seiner Geschichte Österreichs, der einen
gewaltigen Bogen von den Spuren der Veneto-Illyrer in Österreich bis zu Wallensteins
Ende in Eger schlägt. Sein 1937 erschienenes Werk grenzt sich von den älteren, eher
handbuchartigen Gesamtdarstellungen durch den essayistischen Stil und die vielen de-
zidierten Stellungnahmen ab. Das Buch war aber nicht nur unter den Gesamtdarstel-
lungen der Geschichte Österreichs ein Novum, sondern auch singulär in Hantschs ei-
genem, umfangreichen Œuvre. Denn Hantsch vernachlässigte gezwungenermaßen sein
Lieblingsthema, die „Reichsidee als Menschheitsidee“. Gezwungenermaßen, da ja die
österreichischen Herrscher des Mittelalters über weite Strecken nicht die römisch-deut-
sche Kaiser- oder Königskrone trugen. Weiters aber trachtete er danach, nicht nur die
moralische Existenzberechtigung, sondern auch die Lebensfähigkeit und frühe Selbst-
ständigkeit der politischen Herrschaftsbildung im Donauraum gegenüber dem Reich
aufgrund erfolgreicher Hausmachtpolitik herauszustreichen. Hantsch stellte sich hier
eindeutig auf die Seite der Autoren der „Österreichischen Aktion“ wie Ernst Karl Win-
ter, die die machtpolitische Eigenständigkeit Österreichs im Mittelalter als Vorläufer des
116 Ebd.
117 Wilhelm Schüssler, Rezension von : Hantsch, Entwicklung (wie Anm. 95), in : Historische Viertel-
jahrsschrift 29 (1935) 815f.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Österreichische Historiker
- Subtitle
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Volume
- 2
- Author
- Karel Hruza
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 678
- Keywords
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Category
- Biographien