Page - 473 - in Österreichische Historiker - Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
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Hugo Hantsch (1895–1972) 473
„Gefahr“ durch osteuropäische Steppenvölker ausgesetzt gewesen, die Gebiete nördlich
der Donau hätten viel eher die Böhmen zur absichernden Expansion in den Süden einge-
laden122. Lediglich in den zur Siedlung grundsätzlich schlecht geeigneten westösterreichi-
schen Alpengebieten hätten sich einige östliche Ausläufer des Bajuwarentums durch das
Frühmittelalter halten können, erst die Ostexpansion Karls des Großen habe die Möglich-
keit zur bayerischen Ostmarkbildung gegeben123. Hantsch betonte dagegen die überwie-
gend friedliche Siedlung der Bayern im Frühmittelalter und ihre im Wesentlichen gewalt-
freie Durchmischung mit den Slawen124.
Für Hirsch war die Wiedererrichtung und Beibehaltung der karolingischen „Ostmark“
eine der großen Leistungen der ottonischen Ostpolitik125. Hantsch kritisierte dagegen
trotz seiner grundsätzlichen Würdigung der Leistung der Sachsendynastie, die Ottonen
hätten die Chancen, die ihrer Politik nach der Schlacht am Lechfeld geboten worden
wären, nicht ausgenützt und die Babenberger letztlich doch mit der Aufgabe der Grenz-
sicherung allein gelassen126. Brunner relativierte die Selbstständigkeit der Babenberger als
reichshistorischen Sonderfall mit dem Hinweis auf seine Theorie, nach der die alteuropä-
ische Herrschaft als dezentralisierter Personenverband aufzufassen sei127.
Hirsch bedauerte die „versäumte Möglichkeit“ babenbergisch-staufischer Verbunden-
heit während der Auseinandersetzung Konrads III. und Friedrich Barbarossas mit den
Welfen. Die Eheschließung des Babenbergerherzogs Heinrich II. Jasomirgott mit der
Tochter Kaiser Lothars III. und Witwe Heinrichs des Stolzen, Gertrud, hätte zu einer
„Vereinigung des Kolonialgebietes mit dem bairischen Mutterland“ führen und somit
also die „leidvolle Zerrissenheit des bairischen Stammes“, also das Privilegium minus,
verhindern können128. Dies bestritt Hantsch. Auch für ihn war die Vorgeschichte des
Privilegium minus gewissermaßen eine versäumte Gelegenheit, aber in anderer Hinsicht.
Heinrich Jasomirgott, von Haus aus „keine kriegerische Natur“, habe sich vom Kaiser
widerrechtlich entwenden lassen, was ihm bereits gehört hatte, Bayern also, und somit
gegenüber Barbarossa und dem Reich eine übertrieben gutmütige und konziliante Hal-
auch deshalb, weil ihm eine „Staatsbildung“ im Mittelalter bzw. in der Frühen Neuzeit nicht in sein Konzept
eines alteuropäischen Personenverbandstaates passt.
122 Ebd. 62–64.
123 Ebd. 63f.
124 Hantsch, Geschichte (wie Anm. 119) 26–28.
125 Hans Hirsch, Deutsches Königtum und römisches Kaisertum, in : Österreich. Sendung und Erbe (wie Anm.
121) 43–60, hier 46f. Zu Hirsch siehe Andreas Zajic, Hans Hirsch (1878–1940). Historiker und Wissen-
schaftsorganisator zwischen Urkunden- und Volkstumsforschung, in : Österreichische Historiker (wie Anm. 33)
307–417.
126 Hantsch, Geschichte (wie Anm. 119) 34f.
127 Brunner, Österreich (wie Anm. 121) 65f.
128 Hirsch, Deutsches Königtum (wie Anm. 125) 54.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Österreichische Historiker
- Subtitle
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Volume
- 2
- Author
- Karel Hruza
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 678
- Keywords
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Category
- Biographien