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Hugo Hantsch (1895–1972) 479
Sichtweise sind mit Hantschs früheren Arbeiten übereinstimmend, doch fand dieser Ka-
tholikentag unter besonderen Umständen statt : Hitlers Tausendmarksperre hatte viele
der deutschen Teilnehmer vom Kommen abgehalten, man befand sich am Höhepunkt
des „kalten Krieges“ zwischen Hitler und Dollfuß. So war allein die Tatsache, dass der
Katholikentag dann dennoch abgehalten wurde, eine vaterländische und antinational-
sozialistische Kundgebung sowie eine Sympathieerklärung für den neuen Kurs des Bun-
deskanzlers. Zusätzlich zur an die Dynastie der Habsburger gekoppelten Reichsidee trat
nun im Denken Hantschs die „Ostmarkmission des deutschen Österreichertums“ als eine
besondere Sendung des „deutschen“ Bewohners des ständestaatlichen Österreichs152. Die
Aufgabe, zugleich Bollwerk gegen den Osten und Brücke zu anderen Kulturen zu sein,
habe zunächst Österreich früh eine singuläre Stellung im Reich verschafft und anschlie-
ßend seinen Bewohnern eine spezifische, gleichzeitig „deutsche und abendländische“ Auf-
gabe verliehen153. Hier wurde eine Aktualisierung der „Österreichischen Sendung“ des
Dollfußregimes durch Rückgriff auf das Mittelalter geboten, wobei der ständestaatliche
„Ostmarkgedanke“ nun als Ergänzung und Abrundung an die Seite der Reichsidee trat154.
X. Abgrenzung vom Nationalsozialismus und
Verdeutlichung von Hantschs Auffassung vom
„Gesamtdeutschtum“
Im Aufsatz „Das gesamtdeutsche Problem“ von 1936 übte Hantsch schließlich direkte
Kritik am Nationalsozialismus und explizierte, welche Rolle für ihn das „Deutschtum“
der Österreicher zu spielen hatte. Zunächst würdigte er das „gesamtdeutsche Empfinden
der 1920er Jahre“ als eine „schöne Erinnerung“ : „Die größte Stärke aber jener Zeit, so-
weit es sich um das gesamtdeutsche Schicksal handelte, war unbestreitbar der Wille zum
gegenseitigen Verstehen der Eigenart des Anderen.“155 Hantsch gemahnte an das „unver-
gessliche“ Sängerfest von Wien im Jahr 1928 ; damals hätte man gedacht, die Zwistigkei-
ten um die gesamtdeutsche Frage seien nur „akademischer“ Natur, der Kern der Frage sei
152 Ebd. 54f.
153 Ebd.
154 Zur nationalsozialistischen Ostmarkideologie vgl. Heinrich Busshoff, Das Dollfuß-Regime in Österreich
(Beiträge zur Politischen Wissenschaft 6, Würzburg 1968) 19.
155 Hugo Hantsch, Das gesamtdeutsche Problem, in : Monatsschrift für Kultur und Politik 1 (1936) 497–505,
hier 497. Zur politischen Konstellation der 1920er-Jahre in der Ersten Republik vgl. Walter Wiltschegg,
Österreich – „der Zweite Deutsche Staat“ ? Der nationale Gedanke in der Ersten Republik (Graz, 21992)
121–128. Zur Rolle der Großdeutschen Volkspartei Robert Lukan, Die Großdeutsche Volkspartei und ihr
Einschwenken auf Seipels Sanierungspolitik (Diplomarbeit Wien 2001) 78–80.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Österreichische Historiker
- Subtitle
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Volume
- 2
- Author
- Karel Hruza
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 678
- Keywords
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Category
- Biographien