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Hugo Hantsch (1895–1972) 481
Hantsch das „deutsche Volkstum“ der Österreicher dann nur „geistig-kulturell“ bedingt
sah, warum, so könnte man einwenden, rang er sich dann nicht zu einem österreichi-
schen Nationsbegriff durch ? Es ist in diesem Zusammenhang interessant, dass Hantsch
vor 1945 bezüglich der Zeit nach 1806 nie von einer Zugehörigkeit der deutschsprachigen
Österreicher zu einer deutschen „Nation“, sondern stets von einem „deutschen Volks-
tum der Österreicher“ sprach. Einer der prominentesten Verfechter des österreichischen
Nationsgedankens in der Zwischenkriegszeit, Ernst Karl Winter, betonte, dass nur „eine
eigene österreichische Nation“ zum „Träger wahrer deutscher Kultur und Geistigkeit“
werden könne162. Die Auffassungsunterschiede scheinen hier vor allem in der naturrecht-
lichen Grundlage von Hantschs Denken zu liegen, während der Platoniker, Neukantianer
und Schüler Hans Kelsens (sowie Othmar Spanns) Winter die Idee einer Staatsnation im
positiven Recht verankerte163. Darüber hinaus könnte aber auch die deutschböhmische
Herkunft Hantschs eine nach 1945 anhaltende oder noch verstärkte Abneigung gegen
den Begriff einer Staatsnation im französischen Sinne hervorgerufen haben. Hantsch ist
wegen seiner journalistischen und essayistischen Arbeiten von 1933 bis 1938 als Gesin-
nungsverwandter eines Dietrich von Hildebrandt einzustufen, er gehörte zu einer Reihe
von Autoren, die den ideologischen und politischen Kurs des „Austrofaschismus“ loyal
mittrugen und unmissverständlich Kritik am Nationalsozialismus übten.
XI. Ausserordentlicher Professor in Graz – eine politische
Ernennung
Es war Unterrichtsminister Hans Pernter persönlich, der seinen Freund und CV-Bun-
desbruder Hantsch zur Besetzung der Grazer Lehrkanzel für Österreichische Geschichte
nach der Emeritierung Anton Mells vorsah164. Die Nachbesetzung galt als dringlich, weil
162 Ernst Karl Winter, Die Naturrechtsmetaphysik, in : ders, Bahnbrecher des Dialogs, hg. v. Ernst Flo-
rian Winter (Gesammelte Werke 1, Wien/Frankfurt/M./Zürich 1969) 35–75. Siehe auch etwa Winters
„Deutsch sein heißt : hinfinden zu Marbod und Chlodwig und zur romanisch-germanischen Synthese, die sie
verwirklichten !“ zitiert nach Holzbauer, Winter (wie Anm. 118) 110. Chlodwig wird hier als germani-
scher Begründer einer französischen Staatsnation hymnisch gefeiert. Winters radikal antipreußische Ideolo-
gie, in kämpferischer Abwehr des NS-Gedankengutes formuliert, versuchte also ebenfalls, die „Österreicher
als bessere Deutsche“, ja als „bessere Germanen“ zu präsentieren, deren „historische Mission“ es gewesen sei,
eine österreichische Staatsnation zu schaffen. Historisch weit ausholend, war der katholische Privatgelehrte
Winter bestrebt, eine etatistisch-deutschzentralistische Version der großösterreichischen Geschichtsbetrach-
tung zu entwickeln.
163 Ernst Karl Winter, Mein Verhältnis zur Arbeiterbewegung, in : ders., Arbeiterschaft und Staat (Berichte
zur Kultur und Zeitgeschichte 7, Wien 1934) 83–98, hier 89.
164 StA Melk, NL HH, K. 7/61, Schreiben Hantschs an Pernter, 13.10.1947. Gerüchten zufolge, die unter
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Österreichische Historiker
- Subtitle
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Volume
- 2
- Author
- Karel Hruza
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 678
- Keywords
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Category
- Biographien