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482 Johannes Holeschofsky
der Lehrstuhlinhaber auch eine Vorlesung für Hörer aller Fakultäten abhalten musste165.
Nicht zuletzt deshalb schien es dem Schuschnigg-Regime besonders wichtig, diesen Lehr-
stuhl in verlässlichen Händen zu wissen. Dabei griff man auf den jungen Privatdozenten
Hantsch zurück und setzte seine Ernennung durch – und das offensichtlich gegen den
geballten Widerstand der Grazer Philosophischen Fakultät. Ursprünglich hatte die zu-
ständige Kommission geplant, den Wiener Extraordinarius Brunner mit einem Ordina-
riat zu „ködern“, doch entschloss sich das BMU aus finanziellen Gründen, das ehemalige
Ordinariat Mells in ein Extraordinariat umzuwandeln166.
Der durch den Tod Erbens verwaiste Grazer Lehrstuhl für Mediävistik wurde im Üb-
rigen aus Geldmangel aufgelassen und Mittelalterliche Geschichte nur durch Lehrauf-
träge unterrichtet. Über die Ernennung Brunners schrieb das BMU in einem internen
Gutachten, die Grazer Fakultät sei selbst der Ansicht, dass Brunner wohl nie sein Wiener
Extraordinariat gegen das in Graz eintauschen würde. Also schied der primo loco von
der Kommission vorgeschlagene deutschnationale, protestantische Sozialhistoriker und
spätere Nationalsozialist a priori aus167. Vieles spricht dafür, dass der logische Nachfolger
Mells aus steirischer Sicht der secundo loco gereihte Landeshistoriker Hans Pirchegger
war168. Pirchegger, ein Schüler Kaindls, hatte in der Kontroverse um seinen Mentor die-
sem keine Hilfe geleistet. Das BMU lehnte Pirchegger jedoch ab, indem es auf sein „vor-
gerücktes Alter“ von bereits 60 Jahren verwies169. Schon nach dem Tod Kaindls war er
gegen den vaterländisch denkenden Mell gescheitert170. Pirchegger, der sich nach 1945 als
„national und sozialistisch, aber nicht nationalsozialistisch“ bezeichnete, trat „relativ spät“
(1940) der NSDAP bei171 und wurde während der NS-Herrschaft zum außerplanmäßigen
Professor ernannt172. Eine ordentliche Professur erhielt der Bruder des früheren christ-
lichsozialen Politikers und späteren ÖVP-Landeshauptmannes Anton Pirchegger nie173.
Historikern kursierten, hätte Kanzler Schuschnigg Hantsch sogar sofort zum Ordinarius ernennen wollen :
[…] Schuschnigg soll beabsichtigen, den Wien Privatdozenten P. Dr. Hugo Hantsch O.S.B. als Ordinarius nach
Graz zu bringen. So Ernst Klebel an Mell am 06.10.1934 ; NL Ernst Klebel (Privatbesitz Burkhard Klebel)
(freundlicher Hinweis von Karel Hruza und Wolfram Ziegler).
165 ÖStA, AdR, Beilagen PA Hugo Hantsch, Zl. 24817 – I,1 Stellungnahme des BMU betreffend die neu zu
besetzende Lehrkanzel für Österreichische Geschichte in Graz vom 21.08.1935.
166 Ebd.
167 Ebd.
168 Alois Kernbauer, Hans Pirchegger (1875–1973). „Der“ Landeshistoriker, in : Österreichische Historiker
(wie Anm. 35) 225–246, hier 238.
169 ÖStA, Stellungnahme (wie Anm. 166).
170 Kernbauer, Pirchegger (wie Anm. 169) 238.
171 Ebd. 243–246.
172 Ebd. 237–240.
173 Ebd.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Österreichische Historiker
- Subtitle
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Volume
- 2
- Author
- Karel Hruza
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 678
- Keywords
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Category
- Biographien