Page - 483 - in Österreichische Historiker - Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
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Hugo Hantsch (1895–1972) 483
Hantsch war tertio loco in den Dreiervorschlag der Kommission für die gleichfalls
ausstehende Neubesetzung des Lehrstuhls für Neuere Geschichte aufgenommen worden,
im Grazer Vorschlag für Österreichische Geschichte schien sein Name nicht auf, was das
BMU bemängelte174. Die Kommission hatte den steirischen Privatdozenten Fritz Popelka
für die Schlüsselprofessur in Österreichischer Geschichte tertio loco genannt, während
das BMU Hantsch vielmehr für ganz besonders geeignet hielt und hervorhob, dieser sei
zum sofortigen Dienstantritt bereit, weitere Erkundigungen über ihn seien unnötig175.
Der Vorschlag des Professorenkollegiums für die Besetzung der außerordentlichen Pro-
fessur für Neuere Geschichte lautete schließlich : primo loco Reinhold Lorenz, Wien (also
ein „gesamtdeutscher“ Srbik-Schüler und späterer Nationalsozialist), secundo loco Ferdi-
nand Bilger, Graz176. Zu dem noch an dritter Stelle gereihten Hantsch teilte man seitens
der Grazer Universität lakonisch mit : Zur Aufnahme des Privatdozenten Dr. Franz (!)
Hantsch könne man sich bei Anerkennung seiner wissenschaftlichen Leistungen nicht ent-
schließen177. Franz Hantsch – wohl kaum ein zufälliger „Tippfehler“ ! Der ehemalige Bun-
desleiter der Vaterländischen Front, nunmehrige Landeshauptmann von Steiermark und
lebenslange enge Freund Hantschs, Karl Maria Stepan, teilte schließlich in einem Brief an
das BMU mit, dass die Sicherheitsdirektion des Landes Steiermark gegen die Ernennung
Ferdinand Bilgers keine besonderen politischen Bedenken habe178. Der ehemalige Srbik-
Schüler und Bewunderer Heinrich von Treitschkes und spätere Nationalsozialist Bilger179
kam also im Gegenzug zur Professur, wohl auch mangels vaterländischer Konkurrenz.
Alles spricht dafür, dass die Ernennung Hantschs gegen den Willen der Grazer Fakultät
regelrecht „durchgekämpft“ wurde. Die Bestellung des Parteigängers des „Ständestaates“
in dieser hochbrisanten politischen Epoche fügte sich so in eine Reihe heiß umstrittener
Professorenernennungen der Zeit der Doppelmonarchie, wobei besonders die des Pastor-
Schülers Josef Hirn und Michael Mayrs zu nennen sind. Auch damals wurden zwei „Kle-
rikale“ gegen den erbitterten Widerstand der zuständigen Fakultät von der Ministerialbü-
rokratie als Professoren durchgesetzt180.
174 ÖStA, Stellungnahme (wie Anm. 166).
175 Ebd.
176 ÖStA, AdR, Beilagen PA Hugo Hantsch, Zl. 25129/35, Stellungnahme der philosophischen Fakultät der
Universität Graz betreffend die Besetzung der Lehrkanzel für Neuere Geschichte, 16.07.1935.
177 Ebd.
178 ÖStA, (wie Anm. 177), Stellungnahme des Landeshauptmanns für Steiermark, 02.09.1935.
179 Maria Inzko, Ferdinand Bilger als akademischer Lehrer (phil. Diss. Graz 1977). Bilger als Schüler Srbiks
238, als Verehrer Treitschkes 118–120.
180 Gerhard Oberkofler, Die Geschichtlichen Fächer an der Universität Innsbruck, 1850–1945 (Forschun-
gen zur Universitätsgeschichte 6, Veröff. der Universität Innsbruck 39, Innsbruck 1969). „Oktroyierte Er-
nennungen“ klerikaler Professoren gegen den deklarierten Willen der Fakultät : Pastor 87–97, Hirn 97–100,
Mayr 101–104.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Österreichische Historiker
- Subtitle
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Volume
- 2
- Author
- Karel Hruza
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 678
- Keywords
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Category
- Biographien