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Hugo Hantsch (1895–1972) 487
nur in Kürze die wichtigsten Stationen und Funktionen seiner Laufbahn nach 1945 in
Erinnerung gerufen. Nach dem Krieg übernahm Hantsch wieder seine Professur in Graz,
wurde 1946 ex aequo mit Gerhard Ritter primo loco als Nachfolger Srbiks vorgeschlagen
und erhielt das Ordinariat in Wien, das er, wie die Leitung des Historischen Institutes der
Universität Wien, bis zu seiner Emeritierung 1966 innehatte198. Er bekleidete 1956/57
das Amt des Studiendekans. Von 1947 bis 1967 war er Vorsitzender der Kommission für
Neuere Geschichte Österreichs, von 1959 bis 1972 Obmann der Kommission der Öster-
reichischen Akademie der Wissenschaften für Geschichte der Österreichisch-Ungarischen
Monarchie. Hantschs wichtige Nachkriegswerke umfassen neben dem zweiten Band sei-
ner „Geschichte Österreichs 1648–1918“ (ein dritter Band zur österreichischen Repu-
blikgeschichte blieb unveröffentlicht), die umfangreiche, zweibändige Biografie über den
k. u. k. Außenminister Leopold Graf Berchtold sowie den Essay „Die Nationalitätenfrage
im Alten Österreich“199. Hugo Hantsch starb am 6. August 1972 in Wien.
XIV. Zusammenfassung
Hantsch war neben dem älteren Dengel der einzige Anhänger des „Ständestaates“ bzw.
des „Austrofaschismus“ unter den Ordinarien für Geschichte zwischen 1934 und 1938.
Obzwar von deutschnationalen, „gesamtdeutschen“ Lehrern wie Srbik und Steinacker
geprägt, entwickelte er von Beginn seiner eigenständigen geschichtswissenschaftlichen
Laufbahn an eine dem nationalistischen Denken entgegengesetzte Interpretation der
österreichischen und europäischen Geschichte. Dabei arbeitete Hantsch epochenüber-
greifend und verfolgte mehrere Argumentationsstränge. Bezüglich des Mittelalters hob
er die eigenständige Entwicklung des „Donauraumes“ zu einem von Deutschland un-
abhängigen, überlebensfähigen Staatsgebilde hervor. Er verteidigte das römisch-deutsche
Kaisertum der Habsburger gegen den kleindeutschen, aber auch gesamtdeutschen Vor-
wurf, den Reichszerfall durch dynastisches Eigeninteresse verschuldet bzw. mitverschul-
det zu haben. Hantsch stellte dagegen die These auf, die Habsburger hätten sich aus
Rechtsbewusstsein an dem Kaisertum seit der Stauferzeit abgerungene, schriftlich fixierte
Machtbeschränkungen gehalten und so mit dem Föderalismus auch den Missbrauch des
Föderalismus durch die Reichsstände in Kauf genommen, anstatt darauf mit einer Ge-
waltpolitik zu antworten. Die Idee des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation
sah Hantsch im Kaisertum der Habsburgermonarchie ab 1804 weiterleben, die Reichsidee
dabei rechtmäßig von einem deutschen Staatenbund auf den österreichischen Staat über-
198 Hamann, Nekrolog (wie. Anm. 1) 338.
199 Fellner, Geschichtswissenschaft (wie Anm. 1) 166f.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Österreichische Historiker
- Subtitle
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Volume
- 2
- Author
- Karel Hruza
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 678
- Keywords
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Category
- Biographien