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Karl Lechner (1897–1975) 529
heit all jener, die sich Christen nannten, aber vor Not und Elend der Arbeiter und
des Landproletariats die Augen verschlossen. Erschüttert berichtete er von den am
Parteitag gehörten Schilderungen des „entsetzlichen Elends der landwirtschaftlichen
Arbeiter, für das oft kein anderer Ausdruck als Sklaventum, Leibeigenschaft paßt“33.
Er schrieb auch von ähnlichen, eigenen Erlebnissen, die er bei „Fahrten“ durch „ös-
terreichisches Waldland“ gemacht habe und stellte schließlich „[s]chaudernd“ fest,
„daß unsere Bauern tief in den Materialismus hineingekommen sind, weil auch ihnen
Gott vielfach entfremdet ist“34. Freilich war hier eines festzuhalten : Lechners soziales
Engagement stand fest in der Tradition christlicher Mission. Die „soziale Frage“ war
ihm zuvorderst eine religiöse, die soziale Not eine religiöse Not. Denn ohne „diesen
sicheren Halt“, so Lechner, sei für die Helfenden eine Gefahr „ungeheuer : das Ver-
sinken in diesem Mystizismus des Proletariats, des Verbrecher- und Dirnentums“35.
Zumindest der Lechner der 1920er-Jahre war überzeugt davon, dass der „rein ne-
gative und zerstörende Sozialismus beginnt abgelöst zu werden durch den
positiven, aufbauenden“36. Er ortete ein wachsendes metaphysisches Bedürfnis im
Proletariat und betrachtete es als Aufgabe von „Neuland“, dieses zu fördern, um die Arbei-
terschaft „zur wahren Erlösung“ zu führen37. Die Ablehnung der „religiösen Sozialisten“
durch die Bischofskonferenz fand bei ihm keine Zustimmung, und der Christlichsozialen
Partei sprach er jede religiöse Orientierung ab. Er wetterte gegen den stets negativen, nur
abwehrenden „Geist der ‚Gegenreformation‘“, der „in uns immer noch lebt“, und
warb für teilweise recht unorthodoxe katholische Maßnahmen in den Städten. So regte er
etwa die Schaffung neuer „Gottesdienststätten“ in Form kleiner Lokale in der Nähe von
Fabriken an, um den Arbeitern kurze Morgenandachten zu ermöglichen, und für Sonn-
und Feiertage empfahl er die Abhaltung von Frühmessen an allen Wiener Bahnhöfen für
die Ausflügler aufs Land38.
I.5 „Völkische“ Arbeit
In der Publizistik von „Neuland“ überwog in den 1920er-Jahren Lechners soziale Ar-
beit ganz eindeutig die „völkische“. Die programmatischen Ausführungen zum deutschen
33 Ebd. 18.
34 Ebd.
35 Karl Lechner, Sozialismus, Kirche, Leben. Eine ernste Aussprache, in : Neuland 2 (Scheiding-Gilbhart
1925) 210–213, hier 212.
36 Lechner, Sozialistische Kultur (wie Anm. 31) 94. Die Sperrung erfolgte im Original.
37 Ebd.
38 Karl Lechner, Volksmission und religiöse Großstadtnot, in : Neuland 6 (Lenz/März 1929) 53–63, hier 59–
63.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Österreichische Historiker
- Subtitle
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Volume
- 2
- Author
- Karel Hruza
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 678
- Keywords
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Category
- Biographien