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Karl Lechner (1897–1975) 531
mark als „Schild und Herz des Reiches“, als „Hort der gesamtdeutschen Interessen“ und
im Ersten Weltkrieg als „Grenzwächter Deutschlands im Osten gegen Moskowitertum
und Panslawismus, als Glied eines großen Mitteleuropa, dem es die Wege nach Osten
weist“, heraus44. Ähnlich wie Heinrich von Srbik verwies Lechner dabei wiederholt auf
die eigenständigen kulturellen Leistungen dieses östlichen Gebietes, die stets auch be-
fruchtend ins Reich zurückgewirkt hätten45.
Zentral in Lechners Mitteleuropa-Vision war der Befund, dass seit der Zeit Karls des
Großen das Reich, Böhmen und Ungarn „zueinander gravitiert“ hätten46. Lechner leug-
nete zwar nicht, dass es in den beiden letzteren Ländern nationale Gewalten gegeben habe,
doch verwies er nachdrücklich darauf, „wie sehr in Böhmen deutsche Kultur herrschend“
gewesen und auch Ungarn diesbezüglich nicht weit zurückgestanden sei47. Dezidiert
wandte sich Lechner gegen die kleindeutsche Geschichtsauffassung, die übersehen habe,
„daß Österreich für das deutsche Geistesleben und für sein Gemeinschaftsbewußtsein
mehr als jeder anderer Staat getan hat“48. Die Kritik an der europäischen Nachkriegsord-
nung fiel bei Lechner im Vergleich etwa zu Klebel oder Lorenz sehr moderat aus. So habe
„Großösterreich“ ebenso wie Deutschland „seine Aufgabe im Innern ungenügend erfüllt“,
und auch „die Mitspielenden auf dem großen Welttheater“ hätten „ihre Rolle schlecht
gespielt“49. Österreich stehe nun wieder als kleine Ostmark da, mit Deutschland, „wenn
auch nicht politisch, so doch wirtschaftlich und kulturell aufs innigste“ verbunden50. Un-
garn und Böhmen seien nun selbstständig, aber wie schon im Mittelalter wären „auch
heute wieder alle drei Länder aufeinander angewiesen, zueinander gravitierend“51. Daraus
ergebe sich „so wie einst die große Aufgabe : Einigung dieser drei Ländergebiete und ihrer
Völker einerseits und Eingliederung in den großen Verband eines christlichen Mitteleu-
ropa andererseits, mit jener negativen Aufgabe, alle Unkultur von Osten abzuwehren, und
jener positiven, edles Kulturgut nach Osten zu vermitteln“52. Die Lösung dieses jahrhun-
dertealten Problems würde demnach „von dieser unserer Ostmark aus erfolgen“53.
44 Ebd. 190.
45 Ebd. 185, 188. Zu Srbik siehe den Beitrag von Martina Pesditschek in diesem Band.
46 Ebd. 180.
47 Ebd.
48 Ebd. 189.
49 Ebd. 190.
50 Ebd.
51 Ebd.
52 Ebd. 190f.
53 Ebd. 191.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Österreichische Historiker
- Subtitle
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Volume
- 2
- Author
- Karel Hruza
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 678
- Keywords
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Category
- Biographien