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Karl Lechner (1897–1975) 541
In Abgrenzung zur „älteren landesgeschichtlichen Forschung“, die lediglich eine
Reichsgeschichte in verkleinerter Ausgabe gewesen war104, entwickelte die „jüngere lan-
desgeschichtliche Forschung“ neue Methoden, erschloss bislang wenig beachtete Quel-
lensorten und erzielte neue Erkenntnisse105. Sie berief sich auf die Konzepte Hermann
Aubins, Rudolf Kötzschkes und Redlichs und betonte ihre ganzheitliche und „organi-
sche“ Ausrichtung106. Sie verstand sich – ähnlich der Heimatkunde – als „totalisierende
Wissenschaft, erstrebte die Überwindung der Spezialisierung und Atomisierung
unseres Wissenschaftsbetriebes“ und plädierte insbesondere für eine enge Zusam-
menarbeit von Geschichte und Geografie107. Darüber hinaus propagierte die „jüngere
landesgeschichtliche Forschung“ die „Zusammenschau“ von Methoden und Ergebnissen
unterschiedlichster Natur- und Geisteswissenschaften, betonte dabei aber stets den Vor-
rang der historischen Disziplin108. Verfassungs- und Rechtsgeschichte, Siedlungs- und
Wirtschaftsgeschichte, Orts- und Flurnamenkunde, Archäologie, Burgen-, Wege- und
Patrozinienforschung sollten konsequent aufeinander ausgerichtet werden109, und ein
Hauptaugenmerk lag auch auf der Wechselwirkung von allgemeiner Geschichte und Lan-
desgeschichte110. Das „Land“ als ihren Forschungsgegenstand definierte sie „nicht nur als
politische, als verfassungs- und verwaltungsrechtliche Einheit, sondern auch als Boden
für siedelndes Volk und kulturellen Aufbau“111. Im Kontext der politischen Neuordnung
Mittel- und Osteuropas der Zwischenkriegszeit und in den Worten Kötzschkes bedeutete
das, dass „Land“ nicht nur als Staatsboden, sondern über die Staatsgrenzen hinausgehend
auch als Kulturboden und Volksboden zu fassen sei112. Wie anderen mittel- und osteu-
ropäischen Historikern galt ihr die Landesgeschichte vielfach auch als politisches Instru-
ment im Nationalitätenkonflikt113. Kötzschke bezeichnete sie etwa als „Helferin“ einer
104 Theodor Mayer, Hundert Jahre Verein für Landeskunde von Niederösterreich. Gedanken eines
Auslandsösterreichers, in : JbLKNÖ NF 36 (1964) 1036–1043, hier 1036.
105 Ders., Probleme der österreichischen Geschichtswissenschaft, in : Alteuropa und die moderne Gesellschaft.
FS für Otto Brunner, hg. v. Historischen Seminar der Universität Hamburg (Göttingen 1963) 346–363, hier
357.
106 Karl Lechner, Sinn und Aufgaben geschichtlicher Landeskunde, in : MIÖG 58 (1950) 159–184, hier
163f., 166.
107 Ebd. 166.
108 Ebd.; Hermann Aubin, Aufgaben und Wege der geschichtlichen Landeskunde, in : Rheinische Neujahrsblät-
ter Heft 4 (1925) 28–45, hier 29.
109 Weltin, Probleme (wie Anm. 96) 436f.
110 Lechner, Sinn (wie Anm. 106) 163f.
111 Karl Lechner, Oswald Redlich und die Landeskunde, in : UH 31 (1959) 203–209, hier 207.
112 Rudolf Kötzschke, Nationalgeschichte und Landesgeschichte, in : Thüringisch-Sächsische Zs. für
Geschichte und Kunst 13 (1923/1924) 2–22, hier 18–20.
113 Manfred Hettling, Volk und Volksgeschichten in Europa, in : Volksgeschichten im Europa der Zwischen-
kriegszeit, hg. v. dems. (Göttingen 2003) 7–37, hier 17, 34.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Österreichische Historiker
- Subtitle
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Volume
- 2
- Author
- Karel Hruza
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 678
- Keywords
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Category
- Biographien