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Karl Lechner (1897–1975) 547
kelius148, vermittelte Lechner unter dem Titel „Wie finde ich meine Ahnen ?“ an fünf
Abenden die Grundbegriffe der Familien- und Ahnenforschung149.
Im Mai 1938 hatte sich Lechner zudem um Aufnahme in die NSDAP sowie um An-
erkennung als „Illegaler“ bemüht150. Wie es scheint, dürfte er aber als Mitglied des CV
und engagierter Katholik den NS-Parteistellen gegenüber doch einigen Erklärungsbedarf
gehabt haben. In platzsparender, kleiner Schrift vermerkte er daher in seinem Erfassungs-
antrag auf einer halben Seite seine angeblichen Verdienste um die Partei, die er vor 1938
an seinem Arbeitsplatz, als Historiker, im VfLKNÖ und in anderen Zusammenhängen
erworben habe.
Von seiner Dienststelle – also von Landesbibliothek, Landesmuseum und Landesar-
chiv – berichtete er, dass diese als braune Zelle bekannt und Treffpunkt von Illegalen und
‚Sympathisierenden‘ gewesen sei. Er selbst habe in der Beamtenschaft aufklärend gewirkt,
seit Ende 1935 das VF-Abzeichen nicht mehr getragen und bereits am 11. III. 38 vorm.
[vormittags ; Anm. S. E.] dem Vertrauensmann der VF gegenüber [die] Teilnahme an [der]
Schuschnigg-Abstimmung verweigert ! Als Generalsekretär und Schriftleiter des VfLKNÖ
sei er in Veröffentlichungen und Veranstaltungen für eine gesamtdeutsche Haltung ein-
getreten, weshalb der Verein bei der Landesregierung als ‚Nazi-Verein‘ bekannt gewesen
sei. Als Historiker sei er für die ‚gesamtdeutsche Geschichtsauffassung‘ (gegen ‚österr. Ge-
schichtsauffassung‘ und ‚österr. Menschen‘ !) in Vorträgen (auch vor VF-Kreisen) und Büchern
eingetreten – konkret verwies er hier auf seinen Beitrag im Nadler-Srbik-Werk 1936 und
auf die kritische Rezension in der Reichspost. In seiner CV-Verbindung sei er als ‚Nazi‘
abgelehnt worden. Er habe dort die Ehrenmitgliedschaft der „Ständestaat“-Politiker Doll-
fuß, Schuschnigg, Fey und Starhemberg verhindert, und wegen der Organisierung einer
Bildungswoche für CV-Mitglieder, die er mit ausgesprochen ‚nationalpolitischen‘ Inhalten
gestaltet habe, sei er angegriffen worden. In seinem Wohnort Mauer sei er besonders
von VF-Kreisen als ‚Nazi‘ und ‚unverläßlich‘ bezeichnet worden. Er habe dort nie das
VF-Abzeichen getragen, sei deshalb öffentlich kritisiert worden, habe 1938 zum Boykott
der Schuschnigg-Abstimmung aufgerufen und schon seit 1933 in Vorträgen und kleinen
148 Zu ihm Herwig Czech, Erfassung, Selektion und „Ausmerze“. Das Wiener Gesundheitsamt und die Um-
setzung der nationalsozialistischen „Erbgesundheitspolitik“ 1938 bis 1945 (Forschungen und Beiträge zur
Wiener Stadtgeschichte 41, Wien 2003) 35f. Anm. 102.
149 NÖLA, NL KL, K. I, Mappe I/1, Arbeitsplan der Volksbildungsstätte Urania für das Wintersemester
1938/39. Im selben Programm war auch Wandruszka angekündigt. Sein Kurs war unter dem Generalthema
„Deutsches Schicksal in Vergangenheit und Gegenwart“ angekündigt und handelte über „Die Gegner unserer
Bewegung. Das Ringen der Weltanschauungen in den letzten zwei Jahrhunderten“.
150 Siehe zum Folgenden auch Gernot Heiss, Von Österreichs deutscher Vergangenheit und Aufgabe. Die Wie-
ner Schule der Geschichtswissenschaft und der Nationalsozialismus, in : Willfährige Wissenschaft (wie Anm.
122) 39–76, hier 57f.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Österreichische Historiker
- Subtitle
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Volume
- 2
- Author
- Karel Hruza
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 678
- Keywords
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Category
- Biographien