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548 Stefan Eminger und Ralph Andraschek-Holzer
Runden für die Grundsätze der NSDAP aufklärend gewirkt. Ferner sei er Mitglied der von
staatlichen Stellen berechtigtermaßen als ‚naziverdächtig‘ angesehenen Jugendbewegung
„Neuland“ gewesen, habe illegale Presseerzeugnisse gelesen und weitergegeben.151
Als Gewährspersonen für seine Angaben bot er seinen Freund vom VfLKNÖ und
schon in der Illegalität als NS-Ortsgruppenleiter von Klosterneuburg-Weidling tätigen
Pfarrhistoriker Hans Wolf auf152, ferner den Wiener Stadthistoriker Gustav Gugitz, Par-
teimitglied seit 1926 (!)153, und den wie Lechner in Mauer bei Wien wohnhaften, bevöl-
kerungswissenschaftlich interessierten Arzt Ernst Sedlacek, nunmehr Kreisamtsleiter für
Rassenpolitik und seit 1936 SS-Mitglied154. In einem anderen, der politischen „Säube-
rung“ der Beamtenschaft im Sinne des Nationalsozialismus dienenden Fragebogen berief
sich Lechner unter anderem auch auf seinen IÖG-Kurs-, ehemaligen Arbeitskollegen und
nunmehrigen NS-Staatssekretär DDr. Friedrich Wimmer sowie155 – gleichsam als Beweis-
führer der politischen „Gegenseite“ – auf den sofort nach dem „Anschluss“ des Dienstes
enthobenen CVer und vormaligen Landesamtsdirektor Josef Schlüsselberger156.
Lechner verband mit dem Regimewechsel offenbar auch Hoffnungen, vermeintliche
Benachteiligungen in seiner bisherigen amtlichen Karriere wett zu machen. Im Septem-
ber 1938 suchte er daher um Einreihung in eine ihm angeblich längst zustehende höhere
Dienstklasse an. Er wandte sich dafür zwar nicht an das Referat für „politische Schadens-
gutmachung“, sondern an das Präsidium der Landeshauptmannschaft, doch warf auch
er die Frage auf, ob die Übergehung seiner Ansprüche etwa wegen seiner als nat.soz.
151 Lechner, Personal-Fragebogen 19.05.1938 (wie Anm. 129).
152 ÖStA/AdR, GA, Zl. 28.177, Hans Wolf, Personal-Fragebogen vom 15.05.1938.
153 ÖStA/AdR, GA, Zl. 170.201, Gustav Gugitz, Personal-Fragebogen vom 26.05.1938.
154 Lechner, Personal-Fragebogen 19.05.1938 (wie Anm. 129). Zu Sedlacek siehe ÖStA/AdR, GA, Zl. 8434,
Stammbuch vom 16.07.1938 ; Ernst Sedlacek, Die unehelichen Geburten in Niederösterreich in den Jah-
ren 1881 bis 1885, in : UH 10 (1937) 124–126 ; Ernst Sedlacek, Der Einzugsbereich Wiens 1880 und
1934, in : Archiv für Bevölkerungswissenschaft und Bevölkerungspolitik 6 (1936).
155 Friedrich Wimmer, der übrigens mit Klebel befreundet war, hatte die Abschlussprüfung des IÖG-Kurses
nicht abgelegt (Lhotsky, Geschichte des Instituts [wie Anm. 11] 367) und war 1927–1935 im nie-
derösterreichischen Landesdienst beschäftigt, wo er zunächst als Kunsthistoriker und Archäologe dem
Landesmuseum und als Jurist später dem Rechtsbüro zugeteilt war. Er hatte 1932/33 als Rechtsbera-
ter des niederösterreichischen Landesrates der NSDAP Josef Leopold fungiert, war Anfang 1934 der
mittlerweile illegalen NSDAP beigetreten und hatte sich nach der Enthaftung Leopolds 1936 in der
illegalen NS-Gauleitung in Niederösterreich betätigt. Beim „Anschluss“ war er auch der SS beigetreten.
Ein detaillierter Lebenslauf Wimmers findet sich in Nikolaus von Preradovich, Österreichs höhere
SS-Führer (Berg am See 1987) 222–227.
156 ANÖLR, PA KL, Fragebogen des Reichsstatthalters, Der Staatskommissar, vom 21.06.1938 ; zu Schlüsselber-
ger siehe Ernst Bezemek, Stefan Eminger, Das Land und seine Meister. Verfassung und Verwaltung, in :
Niederösterreich im 20. Jahrhundert 1 : Politik, hg. von Stefan Eminger, Ernst Langthaler (Wien/Köln/
Weimar 2008) 163–195, hier 183.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Österreichische Historiker
- Subtitle
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Volume
- 2
- Author
- Karel Hruza
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 678
- Keywords
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Category
- Biographien