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Karl Lechner (1897–1975) 551
bezeichnete ihn der Leiter des Kreises V der NSDAP in Wien 1942 als betont klerikale[n]
Anhänger und Förderer der katholischen Aktion vor 1938, der gegenwärtig „äusserst zurück-
haltend und vorsichtig, echt jesuitisch agiere und eben kein offener Charakter, sondern ver-
schlossen und hinterhältig sei169. Lechner dürfte auch in der sogenannten Gegnerkartei der
NSDAP belassen worden sein170.
I.9 Karl Lechner und die Volksgeschichte
Lechners wissenschaftliches Wirken erfolgte lange Zeit vor dem Hintergrund heftiger na-
tionalistischer Polemiken. Seine Karriere als Historiker begann mitten in der revolutionä-
ren Umbruchsphase zu Ende des Ersten Weltkriegs und zu Beginn der von Vielen unge-
liebten Ersten Republik. Lechners engeres Forschungsgebiet, die Siedlungsgeschichte, der
Kötzschke die „größte nationale Bedeutung“ beimaß, lag mitten im volkstumspolitischen
„Kampfgebiet“171. Gerade Lechners frühe Arbeiten verwiesen auch auf diesen Kontext,
und wie Ralph Andraschek-Holzer in seinem historiografiegeschichtlichen Beitrag unter
anderem zeigt, war Lechners Frühwerk über das Waldviertel von antislawischen Ressenti-
ments nicht frei geblieben.
Als profilierter Vertreter der landesgeschichtlichen Forschung in Österreich war Lech-
ner „gesamtdeutsch“ orientiert, wenn auch seine öffentliche Kritik an der Nachkriegsord-
nung relativ moderat ausfiel. Mitte der 1930er-Jahre engagierte er sich als Experte der Ge-
schichte des Waldviertels und der angrenzenden Gebiete auch im Kontext der SODFG.
Im Frühjahr 1934 nahm er an der als Studienfahrt deklarierten Tagung der SODFG über
das nördliche Niederösterreich und Südmähren teil172. Er traf dabei auch mit Vertretern
des „Deutschen Vereins für die Geschichte Mährens und Schlesiens“ zusammen und re-
ferierte über die Siedlungs- und ältere Herrschaftsgeschichte in diesem Raum173 ; weitere
169 ÖStA/AdR, GA, Zl. 316.372, Karl Lechner, Politisches Gutachten der NSDAP Wien, Kreisleitung V, vom
21.12.1942.
170 NÖLA, NS-Fragebögen, Karl Lechner, Auskunftszettel, Abschrift eines Schreibens der NSDAP, Gau Wien,
Kreisleitung V, an die Gauleitung Wien vom 09.12.1941.
171 Kötzschke, Nationalgeschichte (wie Anm. 112) 19, betrachtete die Siedlungsgeschichte durchaus auch als
„volkstumspolitisches“ Instrument : „Denn nicht so sehr um die Idee des Nationalstaates an sich, als um die Bo-
denverteilung Mitteleuropas auf nationale Staaten und ihre gegenseitige Abgrenzung geht der Kampf, und nicht
allein mit Machtmitteln wird er geführt, sondern auch mit geschichtlichen Gründen für uraltes Heimatrecht.“
172 Michael Fahlbusch, Wissenschaft im Dienst der nationalsozialistischen Politik ? Die „Volksdeutschen For-
schungsgemeinschaften“ von 1931–1945 (Baden-Baden 1999) 290.
173 Der gleichfalls referierende Hans Reutter vom „Deutschen Verein für die Geschichte Mährens und Schlesi-
ens“ sollte nach der Annexion der „Resttschechei“ im März 1939 bei Lechner wegen einer Eingliederung des
Vereins in den VfLKNÖ vorfühlen. Dazu dürfte es aber nicht gekommen sein. NÖLA, NL KL, K. I, Mappe
I/5, Korrespondenz mit südmährischen Historikern etc., Schreiben Reutter an Lechner vom 30.03.1939.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Österreichische Historiker
- Subtitle
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Volume
- 2
- Author
- Karel Hruza
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 678
- Keywords
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Category
- Biographien