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554 Stefan Eminger und Ralph Andraschek-Holzer
Auch in den von Lechner redigierten Publikationen des VfLKNÖ wurde die bislang
verfolgte, überwiegend traditionell landeskundlich ausgerichtete Linie über weite Stre-
cken beibehalten. Völlig frei von Rassismen oder NS-volksgeschichtlich orientierten Be-
trachtungen blieben diese Veröffentlichungen aber dennoch nicht. Gerade Schlesinger,
Vizepräsident des VfLKNÖ, äußerte sich im Jahrbuch von 1938 diesbezüglich mit großer
Radikalität186, und krude rassekundliche Aufsätze – zumeist von Ämilian Kloiber verfasst
– fanden sich ab und an im Monatsblatt des Vereins187. Von Klebel wiederum stammte
ein programmatischer Beitrag zur Volksgeschichte im „Anschluss“-Heft 1938188 ; als der
intendierte Anstoß für entsprechende Arbeiten wirkten sie in diesem Forum aber nicht.
I.10 Entnazifizierung
Nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus standen für Lechner – wie er noch
in den 1960er-Jahren schrieb – die „Feinde“189, „fremde Völker und fremdrassisches
Militär“ im Lande190. Darüber hinaus hatte er erneut Erklärungsbedarf – diesmal ge-
genüber den neuen demokratischen und sich zumindest vorerst noch als dezidiert anti-
faschistisch verstehenden Behörden. Als ehemaliger Parteianwärter der NSDAP war er
zunächst noch registrierungspflichtig ; ein Entnazifizierungsverfahren wurde eingeleitet.
Im Unterschied zu vielen anderen, die ihr Interesse an der NSDAP mit persönlichen
oder politischen Zwangslagen zu rechtfertigen suchten, war Lechner bestrebt, sich von
Opportunismus und Materialismus abzugrenzen. So räumte er im Februar 1946 zwar
ein, in seinem Fragebogen 1938 eine etwas übersteigerte, aufspreitende [sic] und schmü-
ckende Formulierung gewählt zu haben, legte aber Wert auf die Feststellung, dass sein
Aufnahmeantrag damals weder aus Zwang und Feigheit noch um materieller Vorteile wil-
len, sondern lediglich aus ideellen Gründen (kirchentreuer Katholik, mittelalterlicher Histo-
186 Günther Schlesinger, Landschaftsraum und Landschaftsrhythmus als Planungsgrundlagen, in : JbLKNÖ
N.F. 27 (1938) 311–318, hier 311, 318.
187 Ämilian Kloiber, Deutsche und Tschechen aus Südböhmen und Österreich im 19. Jahrhundert, in : UH
11 (September/Oktober/November 1938) 245–256 ; ders., Franz Freitag, Rasse und Kultur in Niederdo-
nau, in : UH 13 (Januar–Februar 1940) 3–18 ; Ämilian Kloiber, Über die Notwendigkeit der rassenkund-
lichen Bearbeitung von geschichtlich wichtigen Schädeln und Skeletten, in : UH 15 (Oktober–Dezember
1942) 171–174 ; siehe ferner Anton Lang, Eine bevölkerungsgeographische Studie aus dem Waldviertel, in :
UH 12 (1939) 35–44.
188 Ernst Klebel, Reichsgeschichte und Landesgeschichte, in : UH 11 (März/April 1938) 86–93.
189 Lechner, 1864–1964 (wie Anm. 88) 193, 195.
190 Karl Lechner, Niederösterreich und Wien. Landschaft, Geschichte, Kultur. Strukturen und Funktionen,
in : Custos quid de nocte ? Österreichisches Geistesleben seit der Jahrhundertwende, hg. v. Karl Rudolf,
Leopold Lentner (Wien 1961) 7–45, hier 45.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Österreichische Historiker
- Subtitle
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Volume
- 2
- Author
- Karel Hruza
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 678
- Keywords
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Category
- Biographien