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Karl Lechner (1897–1975) 555
riker) erfolgt sei191. Seine schon 1938 umstrittene Auslegung von Kirchentreue suchte er
mit seinem anfänglichen Glauben an einen Ausgleich zwischen katholischer Kirche und
NS-Staat zu begründen192. Eine Erklärung für den von ihm behaupteten Zusammen-
hang zwischen mediävistischer Forschung und NS-Parteimitgliedschaft blieb er zwar
schuldig ; sie dürfte aber in der Neigung „Katholisch-Nationaler“ zu suchen sein, das
Heilige Römische Reich Deutscher Nation mit dem Dritten Reich zu analogisieren193.
Lechner wurde – wie übrigens auch sein Freund Kurt Vancsa – am 25. Oktober 1946
vom Dienst suspendiert, seine monatlichen Bezüge auf 150 öS gekürzt. Wie sich bald
herausstellte, war die Außerdienststellung aber nicht von Vertretern der sowjetischen Be-
satzungsmacht ausgegangen. Lechner gelangte bald zu der Auffassung, dass es im Haus
Kreise, gebe, die mir übelwollen194. Er und Vancsa konnten aber schon Anfang 1947 ihren
Dienst wieder antreten195. Nur wenige Wochen später erschien aber in dem Wochenblatt
„Österreichisches Tagebuch“ ein mit „ein österreichischer Katholik“ gezeichneter Artikel,
der sich unter anderem mit der Person Lechners beschäftigte. Lechner wurde darin als
„waschechter, fanatischer Pg“ [Parteigenosse ; Anm. S. E.] bezeichnet und insbesondere
auf die von ihm vertretene „gesamtdeutsche Geschichtsauffassung“ hingewiesen, die er
nach wie vor im VfLKNÖ verbreite196.
Wie Lechner selbst feststellte, verriet der Artikel viel intime Kenntnis seiner Person.
Lechner war empört, antwortete aber nicht öffentlich, sondern übersandte dem Präsidium
der Landeshauptmannschaft eine Stellungnahme. Darin wandte er sich gegen die seiner
Meinung nach tendenziöse Darstellung und gegen die tatsächlich teilweise unkorrekte
Zitierung seines Textes. Der in dem Artikel gleichfalls angegriffene VfLKNÖ mutierte in
der Darstellung Lechners nun aber wieder zum alten, wie jeder weiß, konservativen ‚Ver-
ein für Landeskunde‘197. Die „gesamtdeutsche“ Geschichtsauffassung Lechners, welche er
191 ANÖLR, PA KL, Kurze Erklärung und Rechtfertigung zu den vier aus meinem Fragebogen vom 29.09.1938
ableitbaren besonderen Vorwürfen vom 09.02.1946.
192 Ebd.
193 Der führende „Neuländer“ Anton Böhm reflektierte darüber zwanzig Jahre nach dem Zusammenbruch des
Dritten Reiches im „Rheinischen Merkur“ : „Reich war das Verzauberungswort einer politischen Romantik,
die nicht wiederkommen darf, wenn wir nicht von neuem der deutschen Versuchung verfallen sollen, die
Wirklichkeit durch Wunschträume zu korrigieren. Dem Staat, indem man ihn Reich tauft, eine Art von
übernatürlichem Charakter zu verleihen, als ihm etwas von der Heiligkeit des mittelalterlichen Sacrum Im-
perium zuzubringen, war ein Irrweg […]. Eine nationale Mission, die ein Volk über das andere erhebt, kann
es nicht mehr geben, sondern nur das Wetteifern im Dienste eines gemeinsamen Ziels“. Zitiert nach Eppel,
Kreuz (wie Anm. 40) 53.
194 NÖLA NL EK, K. III, Mappe III/2, Korrespondenz Lechner, Schreiben Lechner an Klebel vom 02.03.1947.
195 ANÖLR, PA KL, Bericht von Dr. Willmitzer an den Herrn Landeshauptmann vom 12.03.1948.
196 Österreichisches Tagebuch. Wochenschrift für Kultur, Politik, Wirtschaft 2 (15.02.1947) 11.
197 ANÖLR, PA KL, Schreiben Lechner an Friedrich Funder vom 06.03.1947.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Österreichische Historiker
- Subtitle
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Volume
- 2
- Author
- Karel Hruza
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 678
- Keywords
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Category
- Biographien