Page - 557 - in Österreichische Historiker - Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
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Karl Lechner (1897–1975) 557
Politisch recht hilfreich für Lechner war die Herausgabe einer ihm gewidmeten Festschrift
anlässlich seines 50. Geburtstages im Mai 1947207. Sein Freund Kurt Vancsa hatte ihn
damit überrascht und208 – wohl mit Rücksicht auf ÖVP-Kreise – auch gleich die bereits
zitierten regimekritischen Passagen im Beitrag „Der Laie in der Kirche“ von 1933 getilgt.
Die Festschrift enthielt sieben ausgewählte historische und religiöse Schriften Lechners,
eine Bibliografie sowie eine lange Gratulantenliste ; diese Liste vereinte sehr unterschiedli-
che Kreise von Personen und Institutionen209. So war etwa die universitäre Wissenschaft
mit dem politisch belasteten Historiker Klebel ebenso vertreten wie mit Santifaller, der
neuen Leitfigur der Wiener Geschichtswissenschaft, und dem vordem als „jüdisch ver-
sippt“ diskriminierten Erich Zöllner210. Die Stadt- und Landesgeschichte war durch die
politisch „unbelasteten“ Adalbert Klaar und Richard Kurt Donin, den erklärten Geg-
ner der Nationalsozialisten Ferdinand Tremel211 und den 1938 aus politischen Gründen
entlassenen Richard Pittioni212 repräsentiert, wie auch durch die „Alten Kämpfer“ der
NSDAP Hans Wolf und Gustav Gugitz. Kirchliche Kreise wie etwa Kardinal Innitzer
und die „Neuland“-Führer Karl Rudolf, Michael Pfliegler und Franz Maria Kapfham-
mer gratulierten ebenso wie die Repräsentanten der neuen österreichischen Volksbildung
Adolf Bruck und Franz Hurdes213 und die Archivdirektoren Rudolf Geyer und Ignaz Zi-
bermayr. Unter den beglückwünschenden Institutionen fanden sich viele Landesarchive,
kirchliche und kommunale Archive, Museen und Bibliotheken sowie Klöster und Stifte.
Wissenschaftliche Institute wie etwa das IÖG und das Institut für Geschichte und Lan-
deskunde in Innsbruck waren gleichfalls vertreten, doch auch der in Niederösterreich
politisch so einflussreiche Niederösterreichische Bauernbund zählte zu den Gratulanten.
Diese vielstimmige Feierrunde diente nicht nur der Mehrung von Lechners symbolischem
und sozialem Kapital. Im Kontext des kurz zuvor stattgefundenen radikalen politischen
207 Karl Lechner. Ausgewählte Schriften mit einer Bibliographie. Zu seinem 50. Geburtstag, hg. v. Kurt
Vancsa mit Unterstützung des Vereines für Landeskunde von Niederösterreich und Wien (Wien 1947).
Lechner war sich dieser politischen Wirkung durchaus bewusst. An Klebel schrieb er : Ich weiß ja, daß die Sa-
che unverdient groß aufgezogen wurde, aber ‚propter forum externum‘ freut es mich doch. Ob’s etwas nützt. NÖLA
NL EK, K. III, Mappe III/2, Schreiben Lechner an Klebel vom 10.09.1947.
208 Ebd. Schreiben Lechner an Klebel vom 25.06.1947.
209 Karl Lechner (wie Anm. 210) 235–238.
210 Zu Zöllner siehe Manfred Stoy, Das Österreichische Institut für Geschichtsforschung 1929–1945 (MIÖG
Erg.-Bd. 50, Wien/München 2007) 369f.
211 Heinz Dopsch, Geschichtsvereine in Österreich. Anfänge und Entwicklungen – Leistungen – Aufgaben, in :
Blätter für deutsche Landesgeschichte 138 (2002) 85.
212 Heiss, Perspektive (wie Anm. 86) 194–195.
213 Zu Bruck und Hurdes sowie zur neuen österreichischen Volksbildung nach 1945 allgemein siehe auch Stefan
Spevak, Das Jubiläum „950 Jahre Österreich“. Eine Aktion zur Stärkung eines österreichischen Staats- und
Kulturbewußtseins im Jahr 1946 (Veröff. des IÖG 37, Wien/München 2003) 40–43.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Österreichische Historiker
- Subtitle
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Volume
- 2
- Author
- Karel Hruza
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 678
- Keywords
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Category
- Biographien