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566 Stefan Eminger und Ralph Andraschek-Holzer
Landeskunde über die politischen und methodischen Zäsuren hinweg einflussreich ge-
blieben waren268.
Am Höhepunkt seiner Laufbahn wurde Lechner auch die Erarbeitung der großen
landesgeschichtlichen Synthesen angetragen. Ob als Autor des Artikels „Österreich“ im
verbreiteten Nachschlagewerk „Territorien-Ploetz“269 oder als Herausgeber und Mitautor
des ersten Bandes des Handbuchs der historischen Stätten270 – stets war es Lechner, der
hier verantwortlich zeichnete. Allerdings waren es vor allem gerade diese prestigeträchti-
gen „Meistererzählungen“, die Lechners Grenzen aufzeigten. Lechner war zweifellos einer
der hervorragendsten Kenner der niederösterreichischen Landesgeschichte ; wie kaum ein
anderer hatte er fast jeden Flecken dieses Bundeslandes bearbeitet ; doch außerhalb der
Grenzen „seines“ Landes standen seine Darstellungen und Schlussfolgerungen mitunter
auf schwachen Beinen, ja erwiesen sich bisweilen als schlichtweg unzutreffend271. Ambi-
valent fiel auch die Bewertung von Lechners letzter großer Monografie, der Geschichte
der Babenberger, aus. Postum und gerade noch rechtzeitig zum großen Babenberger-Ju-
biläum 1976 von Mitarbeitern des IÖG, des NÖLA und des Böhlau-Verlages druckfertig
gemacht, stellte diese Publikation die Summe seiner nahezu lebenslangen Beschäftigung
mit Problemen des babenbergischen Österreich dar272. Noch einmal und in zusammen-
fassender Form hatte Lechner hier seine zentralen Theorien dargelegt. Aufgrund seiner
profunden Quellenkenntnis hatte er eine Vielzahl von Material verarbeitet, was das Buch
– wie Leopold Auer in seiner ausführlichen Besprechung resümierend hervorhob – „zwei-
fellos zu einer Grundlage für künftige Forschungen über das babenbergische Österreich
machen“ werde273. Auer verwies aber auch darauf, dass manche von Lechners Theorien kei-
neswegs unanfechtbar wären. Aufgrund des „Forschungsmonopols“, das sich Lechner und
sein Kreis vor allem für die Zeit vor dem Privilegium minus erworben hatten, präsentierte
Lechner nach wie vor seine mittlerweile dreißig bis vierzig Jahre alten Forschungsergeb-
nisse. Neuere Erkenntnisse hat Lechner zwar gekannt, aber nicht (mehr) eingearbeitet274.
268 Dopsch, Geschichtsvereine (wie Anm. 214) 84f.
269 Geschichte der deutschen Länder („Territorien-Ploetz“) 1, hg. v. Georg Wilhelm Sante (Würzburg 1964)
619–753.
270 Handbuch der historischen Stätten – Österreich 1 : Donauländer und Burgenland, hg. v. Karl Lechner
(Stuttgart 1970, ND 1985).
271 Dopsch, Landesgeschichte (wie Anm. 263) 62 ; siehe dazu auch das nahezu vernichtende, allerdings teil-
weise auch polemisch formulierte Urteil über Lechners Darstellung der Geschichte Vorarlbergs im „Territo-
rien-Ploetz“ von Benedikt Bilgeri, Vorarlberger Geschichte im neuen „Territorien-Ploetz“, in : Montfort.
Zs. für Geschichte, Heimat- und Volkskunde Vorarlbergs 17 (1965) 389–397.
272 Leopold Auer, „Die Babenberger. Markgrafen und Herzöge von Österreich 976–1246“. Bemerkungen zu
Karl Lechners gleichnamigem Buch, in : UH 48 (1977) 109–114, hier 109.
273 Ebd. 114.
274 Ebd. 109.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Österreichische Historiker
- Subtitle
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Volume
- 2
- Author
- Karel Hruza
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 678
- Keywords
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Category
- Biographien