Page - 580 - in Österreichische Historiker - Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Image of the Page - 580 -
Text of the Page - 580 -
580 Stefan Eminger und Ralph Andraschek-Holzer
standes sowie durch systematisches Vorgehen aus. Als nächstes folgt die Frage, ob große
Linien gezeichnet oder Details abgehandelt werden, ob also eine Überblicksarbeit oder
eine Spezialuntersuchung vorliegt. Lechner 1924 bzw. 1937 stellen primär Spezialunter-
suchungen dar, wenngleich Lechner 1924 im ersten Abschnitt („Gang der Besiedlung“
17–96) einen komplexeren, sich länger hinziehenden Vorgang skizziert. Ob ein induktives
oder ein deduktives Verfahren angewendet wird, ist in diesem Fall rasch zu klären : Für
Lechner 1924 bzw. 1937 trifft Ersteres zu. Besonders erhellend ist wohl die Frage, ob ein
Reflektieren der gewählten Methode(n) erfolgt. In den untersuchten Arbeiten geschieht
dies jeweils in den einleitenden Abschnitten Lechner 1924 16f. und Lechner 1937 10f.
Genauere Beschäftigung mit den Texten erweist, inwieweit disziplinübergreifend ge-
arbeitet wird. In beiden ausgewählten Arbeiten ist dies der Fall, vor allem in Bezug auf
Orts-/Flurnamen bzw. -formen. Die betreffenden Abschnitte werden jedoch anders plat-
ziert : Begegnen sie 1924 fast ausschließlich im Schlusskapitel („Siedlungsformen – Sozi-
ale Stellung – Ortsnamen – Stammeszugehörigkeit“ 179–207), finden sie sich 1937 im
ersten größeren Kapitel (12–31), bevor Lechner sein eigentliches Anliegen, die „urkund-
liche Forschung“ (31), in Angriff nimmt.
Schon in Richtung Kontextualisierung zielt die Frage, in welchem Ausmaß eine wis-
senschaftiche Arbeit Vorkenntnisse vom Leser verlangt, ob sie fach- oder populärwissen-
schaftliche Ziele verfolgt. Lechner 1924 bzw. 1937 kombinieren erklärendes Vorgehen
und die Verfolgung fachwissenschaftlicher Ziele (1924 : 96 ; 1937 : 21f., 106). Nicht so
einfach zu beantworten ist die Frage, ob sich die Arbeit als Ergänzung bisheriger (eigener
oder fremder) Forschungsleistungen versteht oder ihren Innovationscharakter betonen
will. Für Lechner 1924 kann Ersteres behauptet werden, während Lechner 1937 ihren
Innovationscharakter betont (Vorwort 6). Die nächste Frage befasst sich damit, ob die
hier gewonnenen Ergebnisse für Forschungen mit weiterem Interessenhorizont fruchtbar
gemacht werden bzw. ob ihre Bedeutung für Folgeforschungen betont wird. Für Lech-
ner 1924 kann dies trotz einer Andeutung (16) nicht behauptet werden, ebensowenig
für Lechner 1937, wo im Gegenteil sogar angekündigt wird, speziellere Untersuchungen
könnten auf den hier gewonnenen Ergebnissen aufbauen (Vorwort 6).
Antworten auf die Frage nach dem Umgang mit fremdem geistigem Eigentum – red-
lich deklarierend oder gar verschweigend, sachlich oder polemisch – fallen wohl ebenso
erhellend wie reizvoll aus. In Lechner 1924 bzw. 1937 werden fremde Ergebnisse deklarie-
rend und primär sachlich vorgetragen, in Lechner 1924 allerdings auch polemisch321. Wie
es um die Belegkultur steht, ist keine Nebensächlichkeit, sondern wirft auch ein Licht auf
die Publikationskultur von Person und Epoche. Dazu folgende Teilaspekte :
321 Dazu weiter unten mehr.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Österreichische Historiker
- Subtitle
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Volume
- 2
- Author
- Karel Hruza
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 678
- Keywords
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Category
- Biographien