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582 Stefan Eminger und Ralph Andraschek-Holzer
Auch die von ihm hier erstmals skizzierte und später so genannte „besitzgeschichtlich-
genealogische Methode“ ist nicht zuletzt als Antwort auf eine als unzureichend betrachtende
Forschungsposition zu bewerten : Gemeint ist ein thematisch einschlägiger Aufsatz von Franz
Heilsberg323. Lechner 1924 wartet in den bereits erwähnten Einleitungspassagen (16) mit
einer Anti-Heilsberg-Positionierung als Ouvertüre auf. Eine Einschränkung muss insofern
vorgenommen werden, als Heilsberg die Relevanz verwandtschaftlicher Beziehungen für die
angemessene Behandlung seines Themas keineswegs leugnet, ihnen allerdings nicht näher
nachgeht324.
Generell ordnet Heilsberg die Kolonisation des Waldviertels in eine großzügig dimen-
sionierte, überregionale Entwicklung ein. Vergleiche mit anderen Gebieten des Reichs
werden gezogen ; das Nachzeichnen „großer“ Linien überwiegt gegenüber dem Erforder-
nis, einmal gewonnene Erkenntnisse auch quellenmäßig genau zu belegen. Oft folgen
nach wenigen, faktengesättigten Absätzen längere Passagen ohne genauere Nachweise.
Dies alles dürfte Lechners Unwillen erregt haben. Er nämlich geht von Anfang an in
die Tiefe, indem er akribisch gesammelte Quellenbelege (vor allem urkundlicher Art)
zur Stützung von Behauptungen heranzieht. Induktives Verfahren hat sich hier somit in
Reinkultur niedergeschlagen325.
Natürlich existierten Vorarbeiten zur Genealogie von Adelsgeschlechtern, die von Lechner
verwertet und – verworfen wurden326. Auf die Werke Otto von Dungerns und deren Re-
zeption im frühen 20. Jahrhundert hat schon vor geraumer Zeit Michael Mitterauer hinge-
wiesen327 ; seine Ausführungen suggerieren sogar die Negierung Dungern’scher Forschungen
323 Franz Heilsberg, Geschichte der Kolonisation des Waldviertels, in : JbLKNÖ NF 6 (1907) 1–92.
324 Als Beispiel diene etwa Heilsbergs Aussage über die Nachfolge der Raabser durch die Hirschberger (Heils-
berg, Kolonisation [wie Anm. 323] 67), welche übrigens von Lechner 1924, 157, zugunsten der Beibrin-
gung einer Hammerl’schen Meinung aus 1906 ignoriert wird ; diese wiederum vermisst man bei Heilsberg.
– Mit dem genannten Autor ist übrigens Benedikt Hammerl gemeint, zu welchem eine relativ junge Würdi-
gung vorliegt : Charlotte Ziegler, P. Benedikt Johann Hammerl (1862–1927). Bibliothekar und Archivar
von Stift Zwettl, in : Waldviertler Biographien 1, hg. v. Harald Hitz [u. a.] (Schriftenreihe des Waldviertler
Heimatbundes 42, Horn/Waidhofen an der Thaya 2001) 179–191. – Auch Vancsa ist sich der Relevanz
verwandtschaftlicher Beziehungen für einschlägige Forschungen bewusst ; in seinem Buch spricht er auch
methodische Probleme bezüglich genealogischer Forschungen an : Max Vancsa, Geschichte Nieder- und
Oberösterreich. 1 : Bis 1283 (Allgemeine Staatengeschichte 3 : Deutsche Landesgeschichten 6,1, Gotha 1905)
253 Anm. 5 ; ausführlicher übrigens Otto von Dungern, Die Entstehung der Landeshoheit in Oesterreich
(Wien/Leipzig 1910) 93–95, und pass.
325 Bereits Feigl, Bedeutung (wie Anm. 5) 216, vermerkte : „Er lehnte deduktive Methoden strikte ab […].“
326 Genannt sei nur : Johann Wendrinsky, Die Grafen von Rebgau-Piugen, in : Blätter des Vereines für Lan-
deskunde von Niederösterreich NF 14 (1880) 181–194, welche Lechner 1924 119, als „freilich ganz ver-
fehlt“ bezeichnet.
327 Michael Mitterauer, Formen adeliger Herrschaftsbildung im hochmittelalterlichen Österreich. Zur Frage
der „autogenen Hoheitsrechte“, in : MIÖG 80 (1972) 269 Anm. 11. – Ebd. 266 Anm. 4 findet sich auch der
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Österreichische Historiker
- Subtitle
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Volume
- 2
- Author
- Karel Hruza
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 678
- Keywords
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Category
- Biographien