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612 Michael Wedekind
13. Jahrhunderts“69, seine „Beiträge zur Bevölkerungsgeschichte Bozens im 16. bis 18.
Jahrhundert“70 sowie die von ihm begonnene Edition der Innsbrucker Universitätsma-
trikel. Huters wissenschaftliches Œuvre deckt in epochaler wie thematischer Hinsicht
ein weitgespanntes Spektrum ab, öffnet sich aber nur selten Zusammenhängen, die über
die Tiroler Landesgeschichte hinausgehen. Als bedeutende Ausnahme kann sein „Nieder-
gang der Mitte, Aufstieg der Randstaaten Europas im Spätmittelalter“71 als Beitrag zum
sechsten Band der von Fritz Valjavec herausgegebenen „Historia mundi“ stehen, in wel-
chem er 1958 zwar kenntnisreich, indes teilweise biologistisch inspiriert den Zerfall der
„deutschen Mitte“ beklagte. Zur Kenntnis der Tiroler Landesgeschichte hat Huter, der in
den Nachkriegsjahren in Innsbruck vornehmlich über allgemeine Wirtschaftsgeschichte,
Urkundenlehre, Paläografie und seit 1958 neuerlich über österreichische Geschichte las,
nicht zuletzt auch durch Herausgabe und Redaktion regionalgeschichtlich wichtiger Pe-
riodika und Schriftenreihen sowie durch Mitbegründung des am Institut für geschicht-
liche Landeskunde erarbeiteten „Tirol-Atlasses“ bedeutend beigetragen72. Zu würdigen
ist neben seinem Einsatz für das Innsbrucker Universitätsarchiv, dessen Leitung er 1950
übernahm, auch seine 1959 beginnende Tätigkeit als Vorsitzender der Kommission der
ÖAW für die wichtige Tirolensiensammlung des Südtiroler Politikers, Juristen und Hei-
matforschers Friedrich Teßmann in Bozen ; Huter gelang es, die Grundlagen für deren
Ausbau zur zentralen Südtiroler Studienbibliothek (Teßmann-Bibliothek) zu legen.
Huter, der sich dem rassischen Antisemitismus geöffnet und diesen in seinen Lehrver-
anstaltungen vor 1945 vertreten hatte, hat nach dem Kriege sein Wirken im NS-Regime
teils verschwiegen, teils euphemistisch überspielt. Nun zwar opportunistisch, aber kei-
neswegs profund österreichisch-republikanisch gewandelt, hat er sich von antidemokrati-
schen, stark (sozial)konservativen Positionen und der Perhorreszierung von Romania und
Slavia ebenso wenig generell zu lösen vermocht wie von einer in Grundzügen „völkisch“-
mystischen Geschichtsauffassung. Historiografie sah er funktional in der Bewahrung,
nicht in der kritischen Analyse des Gewordenen. Wie sein um nur wenige Jahre älterer
Südtiroler Historikerkollege Santifaller73, so galt auch Huter in einem noch stark positi-
vistischem Sinne Geschichtswissenschaft ganz wesentlich als materialerschließende For-
69 Die Südtiroler Notariats-Imbreviaturen des 13. Jahrhunderts, hg. v. Hans von Voltelini, Franz Huter
(Acta Tirolensia 4, Innsbruck 1951).
70 Huter, Beiträge (wie Anm. 33).
71 Franz Huter, Niedergang der Mitte, Aufstieg der Randstaaten Europas im Spätmittelalter, in : Hohes und
spätes Mittelalter, hg. von Otto Brunner u.a. (Historia mundi 6, Bern 1958) 190–261.
72 Huter war Herausgeber des Jahrbuches „Tiroler Heimat“, der von ihm begründeten „Tiroler Wirtschaftsstu-
dien“, der „Veröffentlichungen des Museum Ferdinandeum“ sowie der „Schlern-Schriften“.
73 Zu Santifaller siehe Hannes Obermair, Leo Santifaller (1890–1974). Von Archiven, Domkapiteln und Bio-
grafien, in : Österreichische Historiker 1900–1945 (wie Anm. 7).
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Österreichische Historiker
- Subtitle
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Volume
- 2
- Author
- Karel Hruza
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 678
- Keywords
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Category
- Biographien