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630 Helmut Maurer
und Gegenwart“ beruhe. Er wolle „diese österreichische Geschichtsbetrachtung einbauen
in die große ewige, katholische Idee“. Die katholische Einheit sei „die vollkommenste“,
„vollkommener als jede andere, auch nationale, auch deutsche Einheit“. Eine „starre Bin-
dung an Blut, Boden, Rasse, Volk“ könne nicht infrage kommen86. Das war eine eindeu-
tige „Kriegserklärung“ gegen die Ideen des Nationalsozialismus. Die hier von Heilig ver-
tretene „österreichische Geschichtsauffassung“ wandte sich aber auch dezidiert gegen eine
„gesamtdeutsche Geschichtsbetrachtung“, wie sie etwa Heinrich von Srbik vertrat87. Srbik
hatte am 9. April 1934 an seinen Berner Kollegen Werner Näf geschrieben : Ich kenne nur
eine gesamtdeutsche, nicht eine separatistische deutsche Kultur, bin vielleicht mehr Österreicher
als die patentierten Wortführer es sind, aber ich bin auch Deutscher durch und durch88. Und
am 16. März 1936 schrieb er an seinen Freiburger Kollegen Gerhard Ritter : Wir beide
[…] sind uns der Dienstpflicht gegenüber unserem Volk bewußt. Diese Pflicht besteht für mich
in Österreich nicht zuletzt darin, dem Separatismus und der Isolierung eines österreichischen
Geschichtsbewußtseins entgegenzutreten […]89.
Einen ersten Höhepunkt von Heiligs gegen ebendiese Sicht gerichteten politisch-
publizistischen Kampfes für ein eigenständiges Österreich hatte schon im Jahr 1934 die
Veröffentlichung der als selbstständige Broschüre erscheinenden Arbeit über „Österreichs
neues Symbol. Geschichte und Bedeutung des Kruckenkreuzes“ bedeutet, sie erlebte
1936 noch eine weitere Auflage90. Das als Symbol der 1933 gegründeten Vaterländischen
Front entworfene „Kruckenkreuz“ war offiziell auch zum Symbol des autoritären öster-
reichischen Ständestaates erhoben worden91. Im „Vorwort“ seiner Untersuchung über
die Geschichte des „Kruckenkreuzes“ schildert der Verfasser seine Absicht so : „Zwei Zei-
chen sind heute Symbole der beiden deutschen Staaten, ja zweier gegensätzlicher Welt-
86 CS vom 23.08.1936 ; Text bei Balcar, Heilig (wie Anm. 2) 1, 17/18 ; zum folgenden ebd. 149–169.
87 Vgl. zum Folgenden grundsätzlich Ebneth, Wochenschrift (wie Anm. 76) 176–179 ; Anton Staudinger,
Zur „Österreich“-Ideologie des Ständestaates, in : Das Juliabkommen von 1936. Vorgeschichte, Hintergründe
und Folgen. Protokoll des Symposiums in Wien am 10. und 11. Juni 1976 (Wissenschaftliche Kommission
des Theodor-Körner-Stiftungsfonds und des Leopold-Kunschak-Preises zur Erforschung der österreichischen
Geschichte der Jahre 1927 bis 1938 4, München 1977) 198–240.
88 Vgl. Heinrich von Srbik. Die wissenschaftliche Korrespondenz des Historikers, hg. v. Jürgen Kämmerer
(Deutsche Geschichtsquellen des 19. und 20. Jahrhunderts 55, Boppard 1988) Brief Nr. 239, 398 : zur politi-
schen Lage in Österreich.
89 Ebd. Brief Nr. 274, 440.
90 Dazu auch Balcar, Heilig (wie Anm. 2) 1, 172–179.
91 Zur Bedeutung des Kruckenkreuzes vgl. Christian Böhm-Ermolli, Politische Symbole im Austrofaschismus
und Nationalsozialismus. 1934/1938/1945, in : Österreichs politische Symbole, hg. v. Norbert Leser, Man-
fred Wagner (Wien/Köln/Weimar 1994) 65–80, hier 75 ; Hanisch, Politische Symbole (wie Anm. 5) 421–
430, hier 427 ; ders., Der politische Katholizismus, in : Austrofaschimus, hg. v. Emmerich Talos, Wolfgang
Neugebauer (41988) 53–73, hier 61 ; Peter Diem, Die Symbole Österreichs (Wien 1995) 273–276 : „Das
defensive Kruckenkreuz“.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Österreichische Historiker
- Subtitle
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Volume
- 2
- Author
- Karel Hruza
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 678
- Keywords
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Category
- Biographien