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Konrad Josef Heilig (1907–1945) 637
Lage verbunden, die umso prekärer sei, als er eine Familie mit drei Kindern zu versorgen
habe. Und er unterließ nicht, darauf hinzuweisen, daß man zudem in letzter Zeit von ge-
wissen Seiten mich kaufen will, nicht mehr für Österreich zu schreiben. Andererseits gebe es
keine Verpflichtung, die ihn an Österreich binde. Angesichts all dessen habe er schwere
Gewissenskonflikte. Dieser Brief stand gewiss in engem Zusammenhang mit seinem kurz
darauf unternommenen Versuch, die österreichische Staatsbürgerschaft zu erlangen126. Sie
wurde ihm und seiner Frau Josefine (geb. Habermann) denn auch im März 1937 unter der
Bedingung zugesichert, dass er bis zum 24. März 1938 den Nachweis für sein Ausscheiden
aus der deutschen Staatsangehörigkeit nachweisen könne. Dementsprechend suchte er
am 15. Mai 1937 bei der Deutschen Gesandtschaft in Wien „um die Entlassung aus dem
deutschen Staatsverband“ nach127. Die Gesandtschaft aber bat die NSDAP-Kreisleitung
Wien um Stellungnahme ; sie konnte angesichts von Heiligs politischer Haltung nicht an-
ders als ablehnend ausfallen. Die Kreisleitung wies gleich süffisant auf seinen Namen hin
[Nomen est omen], um dann zu betonen, dass Heilig bereits jetzt als hervorragender Interpret
der neuösterreichischen Reichsidee zu gelten habe, der in übelster Weise gegen das Deutsche
Reich und den Nationalsozialismus hetze und – was noch viel belastender sei – sich an der
„Österreichischen Akademie“ beteilige und Mitarbeiter am CS sei. Unter Berücksichti-
gung all dessen sei sein Antrag abzulehnen mit dem Hinweis, dass er bei einem Erwerb der
österreichischen Staatsangehörigkeit automatisch die deutsche verliere. Damit sahen sich
Heilig und seine Frau gezwungen, deutsche Staatsangehörige zu bleiben.
Am 13. März 1938 wurde der „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische
Deutsche Reich vollzogen. Nicht erst jetzt dürfte Heilig erkannt haben, dass sein Bestre-
ben, „die Österreichische und die Reichsidee durch eine Neuinterpretation des Reichsge-
dankens in Gegenstellung zur deutschen Geschichte zu bringen“, wirkungslos geblieben
war. „[…] viel zu sehr waren Heiligs Bemühungen, aus katholischer Mission eine Alterna-
tive zur deutschen Sendung zu formen, im Widerspruch zur akatholischen Realität jener
Zeit, um als historiographische Alternative zu einer gesamtdeutschen Geschichtsauffassung
wirksam zu werden.“128 Auch er musste erkennen, dass der Versuch, den autoritären Stän-
destaat „nach außen und innen durch eine konservative Österreich-Ideologie abzusichern,
die sich gleichwohl für ein besseres Deutschtum hielt, […] nur von wenigen akzeptiert“
wurde und „auch in österreichischen Historikerkreisen nur in Ausnahmefällen auf eine
positive Resonanz“ stieß129.
126 Balcar, Heilig (wie Anm. 2) 2 Abschnitt H1.
127 Hierzu und zum folgenden Ebneth, Wochenschrift (wie Anm. 76) 50f.
128 So zumindest Fellner, Geschichtsschreibung (wie Anm. 100) 167f., dazu auch 175f. und 177 ; vgl. auch
Staudinger, „Österreich“-Ideologie (wie Anm. 87) 239f.
129 Günter Fellner, Die Emigration österreichischer Historiker, in : Vertriebene Vernunft 2, hg. v. Friedrich
Stadler (Wien/München 1988) 474–494, hier 477.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Österreichische Historiker
- Subtitle
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Volume
- 2
- Author
- Karel Hruza
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 678
- Keywords
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Category
- Biographien