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Konrad Josef Heilig (1907–1945) 639
einer der geistigen Wegbereiter des österreichischen Nationalbewußtseins von heute an-
gesprochen werden muߓ135, hatte er zusammen mit seiner Familie, darunter drei kleine
Kinder, das Schlimmste zu befürchten. Es ist geradezu als ein Wunder zu bezeichnen,
dass er nicht wie viele andere „aus christlichsozial-ständestaatlich orientiertem Milieu“
Stammende verhaftet worden ist136, sondern am 22. April 1938 mit seiner Familie of-
fenbar unbehelligt seine langjährige Wohnung in Weidling bei Wien verlassen konnte,
nachdem er seit März für seine Arbeit bei der Wiener Akademie kein Gehalt mehr erhal-
ten hatte137. Er „emigrierte“ nicht etwa in das noch freie Ausland, sondern begab sich mit
seiner Familie ausgerechnet in die „Höhle des Löwen“, ins „Altreich“. […] nach kurzem
Aufenthalt in München, dann bei Verwandten in Würzburg suchte er ein halbes Jahr bei
einem Onkel im badischen Frankenland, d. h. in der Heimat seines Vaters, einer der ab-
gelegensten und damit für einen „politischen Flüchtling“ vielleicht sichersten Gegenden
Badens, Unterschlupf. Damit war er zwar aus der Sichtweite der Gestapo, aber ohne lau-
fende Einkünfte. Hier halfen ihm seine alten Konstanzer „Konradihaus“-Verbindungen.
Denn ihm war – vielleicht über seinen Klassenkameraden und „Mit-Zögling“ Konrad
Welte – bekannt geworden, dass dessen Bruder Bernhard Welte – er war zwei Klassen
über beiden am Konstanzer Gymnasium und im Konradihaus gewesen und 1929 zum
Priester geweiht worden – seit 1934 als Sekretär des Freiburger Erzbischofs Conrad Grö-
ber, Weltes Meßkircher Landsmanns, fungierte138. Bernhard Welte, der viel später als Re-
ligionsphilosoph einen bedeutenden Ruf erlangen sollte, stellte in der Tat den Kontakt zu
Gröber her139 mit der erfreulichen Folge, dass Heilig zur Unterstützung des erkrankten
Erzbischöflichen Archivars Josef M. B. Clauss140 auf 1. Oktober 1938 zum „Hilfsarchi-
var“ am Erzbischöflichen Archiv in Freiburg im Breisgau ernannt wurde141. Er war damit
135 Georg Wagner, Österreich – Profil zweier Jahrtausende, in : Österreich. Von der Staatsidee zum
Nationalbewußtsein (Wien 1982) 203–361, hier 268–272 mit Anm. 40.
136 Weinzierl, Prüfstand (wie Anm. 132) 73 und 100f..
137 Das Folgende nach der Akte Erzbischöfliches Archiv Freiburg i. Br. „B 2 – 8/43 Generalia Erzbistum Frei-
burg. Rubrik : Behörden : Erzbischöfliche Kanzlei, Betreff : Hilfsarbeiter“. Vgl. Anm. 34.
138 Zu Gröber vgl. Erwin Keller, Conrad Gröber 1872–1948. Erzbischof in schwerer Zeit (Freiburg/Basel/
Wien 1981), und Hugo Ott, Gröber, Conrad, in : Badische Biographien 1 (Stuttgart 1982) 144–148 ; zu
Welte vgl. Klaus Hemmerle, Welte, Bernhard, in : Baden-Württembergische Biographien 1 (Stuttgart
1994) 378–380.
139 Balcar, Heilig (wie Anm. 2) 2, H 1.
140 Joseph M. B. Clauss, „Andenken an meinen 81. Geburtstag. 20. Mai 1948“ (ohne Erwähnung Heiligs),
und „Necrologium Friburgense“, in : FDA 71 (1951) 237–239.
141 Dazu Keller, Gröber (wie Anm. 138) 163 : „Ein anderer, Konrad Heilig, überzeugungstreuer Katholik
und hochbegabter Historiker, wurde von den Nazis aus seiner Wiener akademischen Stellung fristlos ent-
lassen ; der Erzbischof übernahm den aus Erzingen stammenden jungen Gelehrten als Archivar ins erzbi-
schöfliche Archiv.“ Keller war im Übrigen Konstanzer Klassenkamerad und Mit-„Konradihäusler“ Heiligs
gewesen.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Österreichische Historiker
- Subtitle
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Volume
- 2
- Author
- Karel Hruza
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 678
- Keywords
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Category
- Biographien