Page - 438 - in Die Operisti als kulturelles Netzwerk - Der Briefwechsel von Franz und Marianne Pirker, Volume 1 & 2
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438 Edition der Briefe
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70 sehr du die Dankbahrkeit zu extendiren pÀegest. Du sezest ihr solche Gränzen,
daß es heisset über die Gränzen schreitten. Allein ich will indessen das bessere
hoffen, und lieber alles Elend erdulden, als meine Rettung so theüer erkauffen.
Chi ama, teme, verzeihe mir demnach. Die Burlesca hat grosse approbation, und
Samstag ein gutes Haus gewest. Sie ist die Finta Cameriera, und x> Laschi
brilliret mehr meist. Ich bin heüte nicht disponirt mehrer hievon zu schreib>en@,
wie ich leztens versprochen. Nun komme ich auf etwas anders. O wie sehr kan
man sich öfters betrügen, wenn man den innerlich>en@ nach den eüsserlichen Men-
schen misset Wir haben beede einen ganz andern Caracter an den armen teüfel
Uns eingebildet, als ich jezt wirklich an ihn ¿nde und durch uneinwendliche
proben das innerste seines Herzens geprüffet. Ihm ist das gröste Unrecht wieder-
fahren, daß er \1mò/ für ein>en@ ganz andern gehalten word>en@, 2dò sein Geld, und
3zo fast sein Leben und Gesundheit verlohren. Im meinem Leben habe ich keine
solche Liebe gesehen, auch nicht geglaubet, daß sie so heftig seyn könne. Er ist
ohne Geld, Uhr, und Ring hieher gekommen, und bisher wie ein halbrasender
von einem Ort zum andern gereiset. Alle augenblick nennet er seine cara piccola.
Seüfzen und weinen ist sein Morgen und Abend Brod, und neülich haben wir von
7 Uhr Abends bis um 2 Uhr fruhe, und von 8 bis Morgens des andern Dags bis
wied>er@ um 12 Uhr Mittags immer von dieser materie unaufhörlich gesprochen.
Jezt da alle Freiheit vorhanden gebraucht er sich dessen weniger als nie. Nach
der Opera od>er@ Burlesca hat die Galli, Tedeschina /: das ist die Dänzerin vom
Wytch :/ Seiz, gleich zu ihm geschickt ihre Comissarios, bis dato aber hat ihn
noch keine gesehen. Wenn nur keine üble Briefe von der Kleinen nicht einlauffen,
wie neülich von Amsterdam noch von >decem@ber, der von Paris hieher geschikt
word>en@. Ich weiß nicht was darinnen war, allein daß weiß ich, daß er die ganze
Nacht geweinet. Er macht mich auch halb närrisch mit, und ganz rege, daß ich mir
fast nicht zu helffen weiß. Ich habe ohne dem Jammer genugs für mich. Gestern
habe ich die Zufälle von der Aderlaß, und Ohnmacht erzehlet, da ist ihm ordent-
lich übl worden, >S. 3@ und hat die ganze Nacht alteration gehabt, und die Puls
gienge wie im hizigen >Fieber,@ daß mir recht bang geworden, und ich erstaune
recht hierüber. Sein einzig>es@ Klagen ist, daß er so Unglückselig, daß man ihm
niemahls geglaubt. Er hat mir verwunderliche Sachen erzehlet, so er entzwischen
ausgestanden, daß er mir recht von Herzen erbarmet. Nichts in der Welt ist, so ihm
diese Gedanken aus den Kopf bringen, und eine Erleichterung geben kan. Er hat
keine bleibende Stelle nirgends gehabt. Jezt soulagiren wir Uns ein wenig einer
mit dem andern, und schwäzen halbe Nächte imer von der selben Sache. Sein
Interesse scheinet hier ein schlimes Ansehen zu haben, und wegen der Opera ist es
zimlich ungewis, jezt scheinet es, als ob der Carmi der Gali wegen der Sach>en@
sich annemmen wolle. Mit nechsten hoffe ich was mehrers zu schreiben. Adio
lebe wohl, und liebe mich so wie ich dich, welche \Liebe/ gewißlich jezt unaus-
sprechlich \mehr und mehr/ angefeüert worden, je länger ich von dir abgesondert
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Die Operisti als kulturelles Netzwerk
Der Briefwechsel von Franz und Marianne Pirker, Volume 1 & 2
- Title
- Die Operisti als kulturelles Netzwerk
- Subtitle
- Der Briefwechsel von Franz und Marianne Pirker
- Volume
- 1 & 2
- Editor
- Daniel Brandenburg
- Publisher
- Österreichischen Akademie der Wissenschaften
- Location
- Wien
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7001-8898-8
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 1048
- Category
- Kunst und Kultur