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80â â Hajnalka Nagy
Verrat, Besitztum und Territorium, Mein und Dein. Das Ăberschreiten der Grenze ist hier
kein natĂŒrlicher Vorgang, es ist ein politischer Akt. (EV, 220)
Die topografische Grenze geht dabei nicht nur in eine sprachliche ĂŒber (PreviĆĄiÄ
2014, 351), sondern auch in eine symbolische, die die Erinne
rungs
gemeinschaft
der KÀrntner Slowen*innen mitsamt ihren identitÀtsstiftenden ErzÀhlungen von
der vieler Ăsterreicher*innen trennt und auf diese Weise unsichtbar macht.
Das Aufschreiben der Geschichte durch die ErzÀhlerin hat also zweitens
eine poetische Dimension, problematisiert doch der Roman die ErzÀhlbarkeit der
Geschichte des Partisanenkampfes und dessen Folgen angesichts der Fragmen-
tiertheit, Sprunghaftigkeit und Unsagbarkeit der historischen Erfahrung des*der
Einzelnen. Der Roman dokumentiert auf diese Weise nicht nur sein eigenes
Entstehen, den Prozess der Auffindung der eigenen erzÀhlerischen Stimme im
âStimmengewirrâ (EV, 187), sondern reflektiert die sprachlichen Möglichkeiten
der Artikulation traumatischer Erfahrungen, die Worte nie vollkommen prÀzise
treffen können:
Ich kann nicht ergrĂŒnden, was ich wirklich lebe. Meine GefĂŒhle sind nicht mit den Wörtern
vertraut, die ich spreche. [âŠ] FrĂŒher nahmen die Empfindungen, so kam es mir vor, die
Wörter an, jetzt aber bleibe ich mit allem zurĂŒck, wofĂŒr es keine Sprache gibt, und wenn es
sie gibt, kann ich sie nicht in Dienst nehmen. (EV, 100)
Die UnverfĂŒgbarkeit und UnzulĂ€nglichkeit der Sprache zieht sich leitmotivisch
durch den ganzen Roman und wird durch das hegemoniale VerhÀltnis des Deut-
schen und des Slowenischen weiter intensiviert (Äeh Steger 2014, 343; PreviĆĄiÄ
2014, 350).
Das Schreiben hat auf diese Weise drittens eine zutiefst existenzielle Dimen-
sion, wird doch im doppelten Sinne eine verborgene, verdrÀngte Geschichte
erzĂ€hlt: die Geschichte von âfremdâ gemachten Anderen (nĂ€mlich der KĂ€rntner
Slowen*innen) und die Geschichte eines existentiellen Anderen im Eigenen,
nÀmlich die des zerstörten, zerschundenen Körpers, der als GedÀchtnisort und
-medium Spuren der Gewaltgeschichte in sich trÀgt7 und eine sich in dieser
Schmerzerfahrung manifestierende Erkenntnis offenbart (Wagner 2013, 201). So
reprÀsentiert das KörpergedÀchtnis gefallener und gefolterter Partisan*innen
7â
Zur Bedeutung des KörpergedĂ€chtnisses siehe auch Banoun (2014, 22). FĂŒr eine weitergehende
Analyse sind m.E. die Beschreibung zerstörter oder leidender Körper (EV, 110), das Abtasten des
groĂmĂŒtterlichen Körpers nach Spuren des Grauens (EV, 122), die Ăbernahme der Traumata, die
sich in der Körpersprache manifestieren (EV, 48â49), der Wunsch, aus dem Körper zu entfliehen
(EV, 96), oder sich einen neuen Körper zu âerschreibenâ, von Relevanz.
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Title
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Editor
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana MiloĆĄeviÄ
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 350
- Keywords
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, TransnationalitÀt
- Category
- LehrbĂŒcher