Page - 109 - in Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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Anerkennung als Opfer und Überwindung von Viktimisierungen:
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teren Verlauf Äußerungen von Betroffenen in Videoaufnahmen gezeigt werden,
diese also selbst über ihre Erfahrungen sprechen. So berichtet etwa die Anwoh-
nerin Meral Şahin von ihrem subjektiven Erleben des Anschlags aus der Betrof-
fenenperspektive:
Die Polizei, dann die Feuerwehr und die ganzen Leute, und dann siehst du diese blutigen
Menschen – ich bin die Straße hochgegangen, aber mit einem Herzen, das is … es pocht!
Immer im Hintergedanken: Hätte ich meinen Sohn rausgeschickt, zum Brotholen, was wäre
dann passiert? Was ist hier passiert, was ist hier passiert, du guckst: Was ist hier passiert?!
(Şahin, zitiert nach der Fernsehdokumentation Unter aller Augen 2014).
Die Personen, die in den aufgezeichneten Videos in der Inszenierung gezeigt
werden, legen nicht nur von den belastenden Erlebnissen des Anschlages selbst
Zeugnis ab, sondern sprechen auch über die darauffolgende Verun
sicherung des
Zusammengehörigkeitsgefühls aufgrund der Verdächtigungen, der Anschlag sei
von Personen mit einer Verbindung zur Keupstraße verübt worden. Die Videoauf-
nahmen Meral Şahins, Mohammed Ayazgüns und anderer nicht auf der Bühne
Anwesender fungieren als Ergänzung zu den auf der Bühne von Ayfer, Ismet
und Kutlu vertretenen Perspektiven – darüber hinaus verweisen sie aber auch
auf weitere denkbare und nicht in der Inszenierung gezeigte Erfahrungsberichte
des Anschlags und der Folgen. Die Aufnahmen der Anwesenden Ayfer, Ismet und
Kutlu entbinden diese davon, bei jeder Aufführung wieder über die belastende
und potentiell re-traumatisierende Erfahrung zu sprechen. Zudem vermitteln sie
im Gegensatz zur Bühnendarstellung auch beim wiederholten (Ab-)Spielen noch
die ursprüngliche und in der Videoaufnahme fixierte Erfahrungsqualität.
Über die Bildsprache im ‚Talking Head‘-Stil und die Ähnlichkeit mit video-
grafierten Zeugnissen des Holocaust, etwa in Fernsehdokumentationen oder in
Video-Archiven wie dem des United States Holocaust Memorial Museums (Keil-
bach 2008, 230), wird in Die Lücke zudem auf bestehende erinnerungskulturelle
Praktiken verwiesen. Indem Calis die Ikonografie der videografierten Holocaust-
zeugnisse als Element der Darstellungsform in seiner Inszenierung aufnimmt,
zeigt er die Betroffenen des Anschlags nicht nur als Zeug*innen, denen Gehör
geschenkt werden muss, statt als passive Opfer, sondern impliziert auch, dass die
Erfahrungen der Bewohner*innen der Keupstraße in die offizielle Erinnerungs-
kultur einer postmigrantischen Gesellschaft integriert werden müssen.
Aufgrund ihrer Größe scheinen sich die Videoaufnahmen v.a. an die
Theaterzuschauer*innen zu richten, da diese sich in ihrer Augenhöhe befin den.
Dennoch interagieren die Darsteller*innen auf der Bühne ansatzweise mit ihnen,
wenn sie zur Projektion aufschauen und den videografierten Sprecher*innen
zuhören. Dies kann als Darstellung einer Zeugnisannahme durch die Rezi-
pient*in
nen verstanden werden. Diese auf der Bühne gezeigte Rezeption der
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Title
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Editor
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 350
- Keywords
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Category
- Lehrbücher