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Maria Loreto Vilar
âEr hat all die Jahre geschwiegenâ:
Zwischen Tabu und Tabubruch in Memoiren
von Gulag-Opfern aus der DDR
Im Roman Das Vertrauen (1968) lÀsst Anna Seghers den Werkleiter Ulsperger
erst nach dem Volksaufstand am 17. Juni 1953 in einem privaten GesprÀch mit
dem ParteisekretĂ€r Richard Hagen, mit dem er ĂŒber zwei Jahre lang zusammen
gearbeitet hat, flĂŒchtig erwĂ€hnen, dass er wĂ€hrend des Exils in der Sowjetunion
âschuldlos eingesperrt wurdeâ (1968, 439). Noch unter Schock zeigt Hagen, ein
ehemaliger Interbrigadist im Spanischen BĂŒrgerkrieg 1936â1939, fĂŒr solch ein
Verschweigen des erlittenen Unrechts im gelobten Land des Sozialismus vollstes
VerstÀndnis. Denn darin erkennt er ein musterhaftes Opfer, eine Art MÀrtyrertum
im Sinne des von Siegfried Kracauer fĂŒr die abgehĂ€rteten âTrĂ€ger der revolutionĂ€-
ren Bewegungâ (1932, 5) in Seghersâ Die GefĂ€hrten (1932) geprĂ€gten Begriffs: âSie
werden verfolgt, gemartert, in die GefĂ€ngnisse geworfen; sie fĂŒhren auch in der
Emigration das Dasein von KĂ€mpfern. Wer aktiv fĂŒr die Sache der Revolution ein-
tritt, nimmt in der Regel nicht sich selber wichtig, sondern die Sacheâ (Kracauer
1932, 5).1 Zumal wenn der sozialistische Aufbau in der DDR durch die Information
ĂŒber die Verbrechen zur Zeit Stalins gefĂ€hrdet sein könnte â eine Position, in der
der ParteisekretĂ€r Richard Hagen mit der offiziellen Linie des SED-Regimes ĂŒber-
einstimmt.2 Damit âdie Parteiideologen der SED ein homogenes Geschichtsbild
[formen konnten], aus dem sich eine Verpflichtung fĂŒr die Gestaltung einer bes-
seren Zukunft, sprich der sozialistische Aufbau, ableiten lieĂâ (Jung 2008, 121),
waren autobiografische Zeugnisse von Opfern der stalinistischen Repression in
der DDR tabuisiert, und nicht selten war das Tabu ein selbst auferlegtes.
Jene Autoren und Autorinnen, die im Kommunismus unbeirrt ihre ideologi-
sche Heimat sahen, verurteilten die Vorgehensweise solcher als Renegaten (Rohr-
wasser 1991, 1996) stigmatisierten Kommunisten wie Margarete Buber-Neumann,
1â Der religiös-theologische Begriff des MĂ€rtyrers oder âBlutzeugenâ wird somit sĂ€kularisiert und
auf die kommunistische Bewegung ĂŒbertragen.
2â Solch eine âBilligungâ der Verbrechen in Stalins Sowjetunion soll Anne Applebaum zufolge
auch im Westen denkbar gewesen sein: âIt is not only the far Left, and not only Western com-
munists, who were tempted to make excuses for Stalinâs crimes that they would never have made
for Hitlerâs. Communist ideals â social justice, equality for all â are simply far more attractive to
most in the West than the Nazi advocacy of racism and the triumph of the strong over the weakâ
(2004, 8).
Open Access. © 2020 Maria Loreto Vilar, publiziert von De Gruyter.
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Werk ist lizenziert unter der Creative Commons Attribution 4.0 Lizenz.
https://doi.org/10.1515/9783110693461-006
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Title
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Editor
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana MiloĆĄeviÄ
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 350
- Keywords
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, TransnationalitÀt
- Category
- LehrbĂŒcher