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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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122    Maria Loreto Vilar [Es] bleibt [
] erstaunlich, dass ein Mann [d.i. Wolfgang Ruge], der in 26 Jahren seines aktiven Berufslebens ĂŒber 800 Publikationen zusammengebracht hat (darunter viele BĂŒcher und umfangreiche BeitrĂ€ge zu SammelbĂ€nden), im Verlauf von sieben oder sogar acht Jahren nicht ĂŒber die erste HĂ€lfte des geplanten Projekts hinauskommt. (E.  Ruge 2012, 450) Gewiss hat Wolfgang Ruge „zeitlebens nach einer angemessenen Form fĂŒr die Verarbeitung seines Traumas gesucht“ (E. Ruge 2012, 449). „Ganz offen sichtlich“ sind es zudem Eugen Ruge zufolge „die Ereignisse im November 1989“ (2012, 450) welche schließlich eine Unterbrechung von neun Jahren verursachen. Zumindest Richter und Damerius sollen der Meinung gewesen sein, erst durch die schonungslose Schilderung des erfahrenen Unrechts wĂŒrden ihre Jugendziele „weiter verfolgbar und erstrebenswert“ (Mittenzwei 1990, 364). Zudem sollen sie im Verfassen ihrer Memoiren eine Verpflichtung gegenĂŒber denen gesehen haben, die den Gulag nicht ĂŒberlebt hatten (Mittenzwei 1990, 364). Diese GrĂŒnde mögen als Motivationsfaktoren angesehen werden, welche sie schließlich zum Versuch, „die Geschichte in ihren WidersprĂŒchen und mit ihren tatsĂ€chlichen Menschenschicksalen vorzufĂŒhren“ (Mittenzwei 1990, 364–365), veranlasst haben. Oder, wie es von Eugen Ruge zusammengefasst wird, indem er sich konkret auf die Erinnerungen seines Vaters bezieht: „Es ist nicht nur ein beeindruckendes Zeugnis menschlicher Leidens- und LebensfĂ€higkeit, es ist zugleich ein außergewöhnliches Zeitdokument“ (2012, 455). 2 Ein (selbst auferlegtes) Tabu Das Tabu, mit dem in der DDR GefĂ€ngnis- und Gulag-Erfahrung in der Sowjet- union belegt ist, bedingt vor allem in Richters Memoiren eine „Gelassenheit gegenĂŒber dem eigenen Schicksal bei allem Schmerz, [
] [die] fĂŒr die meisten Leser schwer nachvollziehbar sein“ (Scheer 1990) mag. Ihre „Tragödie – de[n] Versuch, ein Leben nach dem Tode zu fĂŒhren, d.h. Mensch zu bleiben auch unter den widrigsten UmstĂ€nden“ (1990, 290) – bezeichnet Richter zum Beispiel als „eine optimistische“ (1990, 290). Veranschaulicht sei hier zunĂ€chst der positive Ton, der auch thematisch verwandte Passagen der Erinnerungen von Damerius und Ruge durchzieht, denn erst dadurch lĂ€sst sich die Wirkung des selbst aufer- legten Tabus in seiner ganzen Tragweite dokumentieren. Zuallererst freut sich Richter darĂŒber, dass sie im Moskauer Butyrka-GefĂ€ng- nis zum ersten Mal in ihrem Leben „Zeit, endlos Zeit“ (1990, 292) hat, um Gym- nastik zu treiben und „tĂ€glich mehrere Stunden mit gewinn bringender LektĂŒre aus[zu]fĂŒllen“ (1990, 292) oder auch um Interessenten freiwillig Fremdspra- chenunterricht zu erteilen. In demselben Sinn schreibt Damerius ĂŒber den Lese-
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Title
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Editor
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Miloơević
Publisher
De Gruyter Open Ltd
Date
2020
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Size
15.5 x 23.0 cm
Pages
350
Keywords
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, TransnationalitÀt
Category
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