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âEr hat all die Jahre geschwiegenââ â
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âLuxusâ im GefĂ€ngnis: â[E]inmal in der Woche konnte man ein Buch aus der
GefĂ€ngnisbibliothek ausleihen. [âŠ] [E]s gab sogar BĂŒcher in deutscher Spracheâ
(1990, 47). Des Weiteren bemerkt er, dass er darin das âRussischlernenâ (1990, 48)
fortsetzen konnte.
Ferner feiert Richter die bejahende Haltung der Gefangenen zur sozio-poli-
tischen RealitĂ€t in der Sowjetunion: â[K]einer [der mitgefangenen Frauen] kam
es in den Kopf, die Errungenschaften der Sowjetmacht in Zweifel zu ziehen. Und
alle waren erfĂŒllt von Optimismus fĂŒr die Zukunft ihres Landesâ (1990, 294). Wie
Richter nicht daran zweifelt, dass sich ihr Schicksal wie das ihrer LeidensgefÀhr-
ten âeines Tages zum Guten wendenâ (1990, 301) wird, so hĂ€lt Damerius auch
an seinem kommunistischen Glauben und an Stalin fest. Im Lager angekommen,
beteuert er: â[I]ch war voller Hoffnung, von hier aus mein Recht zu finden. Ich
wĂŒrde an Stalin schreiben, alles wĂŒrde sich aufklĂ€ren, und die Gerechtigkeit
wĂŒrde wieder hergestellt werden. Auch hier wĂŒrde ich mich wie ein Kommunist
verhalten und gute Arbeit zum Nutzen der Sowjetmacht leistenâ (1990, 72). Ins-
gesamt hat Damerius siebzehn Eingaben an Stalin geschrieben, die alle unbeant-
wortet geblieben sind (Damerius 1990, 53), was Michael Rohrwasser nicht nur im
Sinne einer loyalistisch-glÀubigen Haltung interpretiert:
In diesen Briefen kann sich die letzte LoyalitÀt der alten Parteigenossen verbergen, aber
auch der Glaube an âVĂ€terchen Stalin, der von allem nichts wuĂteâ â eine verwandte Rede-
wendung klingt im Ohr. [âŠ] Zugleich wird mit dem Adressaten Stalin die besondere Bedeu-
tung (und GefĂ€hrlichkeit) der eigenen Person hervorgehoben[.] [âŠ] Eine Antwort [âŠ] konnte
es nicht geben[.] (Rohrwasser 1991, 274)
Ein weiteres Thema sind Verhöre und die Anwendung von physischer Gewalt,
die von Richter einfach verschwiegen wird. Das einzige in ihren Memoiren ange-
fĂŒhrte Verhör soll eine Viertelstunde gedauert haben (1990, 295), ein anderes Mal
sei sie âvon einem höheren Offizier sehr zuvorkommend empfangenâ (1990, 295)
worden und habe sich sogar auf dessen Diwan ausruhen dĂŒrfen, ohne dass es
dann zum Verhör gekommen sei. Damerius relativiert die GewaltausĂŒbung oder
registriert sie aus der Distanz. Er habe zum Beispiel beim âBadenâ einen nackten
Mann gesehen, der in einem anderen GefĂ€ngnis verhört worden war und âder fast
am ganzen Körper grĂŒn und blau und angeschwollen war und der sofort umfielâ
(1990, 28). Ein weiterer HĂ€ftling sei vom Untersuchungsrichter mit einem Lineal
auf die Oberschenkel geschlagen worden. Sonst schreibt Damerius: â[E]rst nach
1938 [wurde] zu aktiveren Methoden beim Verhör gegriffenâ (1990, 35).
SpÀter, beim Transport und auch im Lager, wird die imposante Schönheit der
sibirischen Landschaft gepriesen. Richter beschreibt zum Beispiel die Fahrt durch
die Kolyma-Region â[i]m offenen LKWâ (1990, 305) in einem feierlichen Ton: âAuf
funkelnagelneuen Chausseen rollten wir durch die sommerliche Taiga. Uns ging
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Title
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Editor
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana MiloĆĄeviÄ
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 350
- Keywords
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, TransnationalitÀt
- Category
- LehrbĂŒcher