Page - 124 - in Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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124â â Maria Loreto Vilar
das Herz auf bei ihrem Anblick. Freudig begrĂŒĂten wir eine Reifenpanne, die
uns eine Rast im Walde und die Bekanntschaft mit seinem Beerenreichtum ver-
schaffteâ (1990, 305). Problematischer wird es nur, als Richter im Wald arbeiten
und eine von Pferden getriebene Fuhre durch die unwegsame verschneite Taiga
fahren muss, doch auch da findet sich eine hilfsbereite Hand (1990, 323â326).
Damerius, der den Reiz des urwĂŒchsigen sibirischen Waldes und das atemberau-
bende PhĂ€nomen der weiĂen NĂ€chte und des Polarlichts erkennt, schildert aller-
dings auch sein Leiden als Waldarbeiter: âAls ich nun unfreiwillig durch einen
solchen Wald marschierte, war mein GefĂŒhl fĂŒr seine Schönheit stark gedĂ€mpft.
[âŠ] Und der schöne Wald, die Taiga, erschien mir dunkel, unfreundlich drohend
und Angst einflöĂendâ (1990, 69 [Hervorhebung im Original]). Auch Ruge, der
in seinem Buch zunÀchst mehrere AbsÀtze dem Preis der Steppenlandschaft in
Karaganda widmet (2012, 139â140), ist spĂ€ter, als Arbeitsarmist im Nordurallager,
nicht mehr imstande, die Schönheit der Taiga zu genieĂen: âDie Sonne steht jetzt
knapp ĂŒber dem Horizont, der Himmel schimmert in durchsichtigem Grau, kleine
weià gepuderte Tannen recken ihre Spitzen in die Höhe. Eigentlich entbehrt auch
diese Landschaft nicht gewisser Reize. Wenn nur der Magen nicht so knurren
wĂŒrde!â (2012, 174), ist in seinen Memoiren zu lesen.
Zur schweren körperlichen Arbeit im Lager Ă€uĂert sich Richter in einem ganz
positiven Ton. FĂŒr sie sei diese Arbeit nĂ€mlich bereichernd und befriedigend,
zumal: âMir fehlte jegliche Kenntnis im Umgang mit solch einfachen Werkzeu-
gen wie Messer, SĂ€ge, Sense, Hacke, Beil, Harke. Nie hatte ich die Bekanntschaft
gemacht mit dem treuen Helfer der Menschen seit Jahrtausenden, dem Pferde,
und besaĂ keinen Begriff von den Anstrengungen der Bauern, der HolzfĂ€llerâ
(1990, 329â330). Durch die Arbeit will Richter sich folglich âin das wirtschaftli-
che Leben des Gebiets einbezogen und damit letzten Endes doch fĂŒr den sozi-
alistischen Aufbau tĂ€tigâ (1990, 333) wissen. SchlieĂlich habe sie dadurch den
âZusammenhang zwischen Theorie und Praxisâ (1990, 82) des Sozialismus erfah-
ren können. Damerius, der schwerste Waldarbeit leisten muss, findet erst durch
die vorĂŒbergehende BetĂ€tigung in einer âKultbrigadeâ und durch das Theater-
spielen âeine Aufgabe im Rahmen des Lagerlebens und damit wieder AnschluĂ
an das Leben ĂŒberhauptâ (1990, 136). SpĂ€ter freut er sich ĂŒber seine Mitarbeit an
der âKultur- und Erziehungsabteilungâ (1990, 157), wo er die einfachen Tafeln der
Lagerwandzeitung herstellt, auf denen die tÀglichen Arbeitsergebnisse, die Ver-
stöĂe gegen die Disziplin und alle PlanrĂŒckstĂ€nde verzeichnet wurden. Das ist
fĂŒr Damerius eine Arbeit, die nicht nur angenehmer ist, als im verschneiten Wald
BĂ€ume zu fĂ€llen, sondern auch eine, die er âfĂŒr gut und politisch richtigâ (1990,
158) hĂ€lt, und âdie den Gepflogenheiten in der Sowjetunion entspr[i]ch[t]â (1990,
158â159). Ruge, auch als Holzarbeiter eingestellt, empfindet seinen zeitweiligen
Einsatz als Brigadier bei der Heumahd als positive Wendung, denn endlich kann
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Title
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Editor
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana MiloĆĄeviÄ
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 350
- Keywords
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, TransnationalitÀt
- Category
- LehrbĂŒcher