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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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„Er hat all die Jahre geschwiegen“    127 intellektuelle Rückständigkeit: „Ich hatte in diesen achtzehn Jahren fast nichts gelesen, hatte die politische Entwicklung in der Welt nicht miterleben können, hatte nichts dazu gelernt außer einigen Brocken Ganovenjargon“ (1990, 322). Fernerhin informieren Richter und Damerius über die „Massen abferti gungen“ ohne Prozess (Richter 1990, 296; Damerius 1990, 50), wobei letzterer etliche Artikel aus der Verfassung der UdSSR von 193610 anführt, um seine Erfahrung deutlich als Verstoß gegen gerade jene Artikel zu kategorisieren. Ruge beklagt seinerseits, dass er weder „förmlich verurteilt noch jemals förmlich entlassen worden“ (2012, 308) sei, wodurch nicht nur die Rechtlosigkeit des stalinistischen Regimes bloßgestellt werden soll, sondern auch dessen Willkür. Zudem leiden die überzeugten Kommunisten darunter, dass sie im Land ihrer „Ideale und Träume, im Vaterland der Werktätigen“ (Damerius 1990, 17) in den Gulag geschickt worden sind. In diesem Sinn beteuert Richter, das Schlimmste auf der Welt sei, für einen Feind gehalten zu werden, wenn man in Wirklichkeit „der allerbeste Freund ist“ (1990, 297), und Ruge fragt sich: „Wir waren immer Hitlergegner, auch als alle den Hitler-Stalin-Pakt bejubelt haben. Wir haben uns durchweg loyal verhalten. Warum vertraut man uns nicht? Warum setzt man uns mit den Kulaken gleich, die immer gegen die Sowjetmacht waren?“ (2012, 175 [Hervorhebung im Original]). Richter, Damerius und Ruge sind sich auch weitgehend darin einig, dass das Lager von Korruption und Betrügerei wimmelte. Richter nennt das dauernde Schachern „Lagermechanismus“ (1990, 299), Ruge und Damerius verwenden für „jede Art obrigkeitsschädigende[n] Betrug[s]“ (Ruge 2012, 220) das Wort im Lagerjargon: „Tufta“ (Damerius 1990, 147; Ruge 2012, 220), dessen Funktionieren Damerius konkret und detailliert beschreibt (1990, 147–157), aber erst aus der Perspektive der 1980er Jahre als lebensrettende Strategie zu erkennen vermag: „Tufta bewahrte Tausende Gefangene vor Hunger und Hungertod, war also für 10  Unter dem Titel Aus der Verfassung der UdSSR von 1936 zitiert Damerius (1990, 55–56): „Ar- tikel 102 Die Rechtsprechung wird in der UdSSR von dem Obersten Gerichtshof der UdSSR, den Obersten Gerichtshöfen der Unionsrepubliken, den Regions- und Gebietsgerichten, den Gerich- ten der Autonomen Republiken und Autonomen Gebiete, den Bezirksgerichten, von besonderen Gerichten der UdSSR, die auf Beschluß des Obersten Sowjets der UdSSR bestellt werden[,] und von den Volksgerichten ausgeübt. Artikel 111  Die Verhandlung ist bei allen Gerichten der UdSSR öffentlich, sofern nicht durch das Ge- setz Ausnahmen vorgesehen sind; dem Angeklagten wird das Recht auf Verteidigung gewährleistet. Artikel 127  Den Bürgern der UdSSR wird die Unverletzlichkeit der Person gewährleistet. Niemand kann anders als auf Gerichtsbeschluß oder mit Genehmigung des Staatsanwalts verhaftet werden. Artikel 129  Die UdSSR gewährt Bürgern auswärtiger Staaten, die wegen Verfechtung der Inte- ressen der Werktätigen oder wissenschaftlicher Betätigung oder wegen nationalen Befreiungs- kampfes verfolgt werden, das Asylrecht.“
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Title
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Editor
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Publisher
De Gruyter Open Ltd
Date
2020
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Size
15.5 x 23.0 cm
Pages
350
Keywords
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Category
Lehrbücher
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