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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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128    Maria Loreto Vilar viele Rettung und Wohltat, ich möchte es, gemessen an den Lagerverhältnissen, ein humanistisches Verbrechen nennen“ (1990, 152). Nicht zuletzt durch „Tufta“ kann festgestellt werden, dass „eine Pyramide der sozialen Schichtung innerhalb des Stacheldraht verhaues [existierte]“ (Richter 1990, 310). Ganz oben stand die „Arbeitsaristokratie“ (Richter 1990, 310), unten das „Lagerproletariat“ (Richter 1990, 311),11 wobei Richter auf die ideologisch-politische Inkongruenz solch einer Schichtung aufmerksam macht: „Von Tag zu Tag trat der Widerspruch zwischen dem offiziell verkündeten sozialistischen Grundsatz: ‚Jedem nach seinen Leistun- gen‘ und der Praxis mit ihrem Wolfsgesetz unverhüllt hervor“ (1990, 310). Jenes Wolfsgesetz im Gulag wird von Damerius zu der prägnanten Formel zusammen- gefasst: „Ich esse heute, du morgen, du stirbst heute, ich morgen“ (1990, 109). Des Weiteren denunziert er die unmittelbaren Folgen des „Parasitentums“: „Hunger, Unterernährung, Krankheiten und hohe Sterblichkeit“ (1990, 83), wobei aber nicht nur die „räuberische Lageraristokratie“ (1990, 83) an den Pranger gestellt wird, sondern auch die Kriminellen – Gelegenheits- und Berufsverbrecher –, die, wie Richter beklagt, „im Gegensatz zu uns [den Politischen] Volksfreunde genannt [wurden] und […] sich bei der Lagerleitung großer Nachsicht und Bevorzugung [erfreuten]“ (1990, 299 [Hervorhebung im Original]). Das Billigen von Prostitution (Richter 1990, 298–299) liefert ein recht bizarres Beispiel von solcher Nachsicht, meistens besteht die Bevorzugung jedoch in einer etwas besseren Kost. Denn der extreme Hunger ist das Schlimmste im Gulag, und – neben heilloser Kälte und schwerster körperlicher Arbeit – die Hauptursache für Krankheiten und Tod. Von sich selbst behauptet Richter zwar, bis vor Kriegsausbruch 1941 „durch- aus nicht verhungert“ (1990, 338) zu sein, den bittersten Hunger illustriert sie aber am erschütternden Erscheinungsbild ihres Ehemannes Hans Günther, der 1938 im Lager Wladiwostok ums Leben gekommen ist: [D]a tauchte plötzlich vor mir ein langes Gespenst [d.i. Hans Günther] auf, umschlottert von einer weißen Drillichhose, in einem groben, offenen Hemd, das die Rippen des Brustkorbes sehen ließ. Das Skelett trug eine Hornbrille, und seine Augen blickten mich an aus tiefen Höhlen wie aus einem Totenschädel. (Richter 1990, 302–303) Was den Hunger anbelangt, sei aus den Memoiren von Damerius folgende Schau- der erregende Stelle zitiert: „Verhungernde polkten aus dem gefrorenen Kot die Weizenkörner heraus und aßen sie. Ich habe es gesehen“ (1990, 130). Des Wei- teren berichtet Damerius, wie die Lagerinsassen sich von Ratten ernähren, wie ihre darbenden Körper die eigene Substanz aufsaugen, wie tote Gefangene erst 11  Ruge beschreibt und differenziert seinerseits genauestens die verschiedenen Typen innerhalb der Lagergemeinschaft im Unterkapitel „Zuträger, Sägeschleifer, Deputierte“ (2012, 195–206).
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Title
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Editor
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Publisher
De Gruyter Open Ltd
Date
2020
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Size
15.5 x 23.0 cm
Pages
350
Keywords
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Category
Lehrbücher
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