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„Er hat all die Jahre geschwiegen“   
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nach einer Woche gemeldet werden, so dass ihre Nachbarn solange deren Brot
und deren Suppe – die „Balanda“ (1990, 101) – kassieren können, oder auch wie
„sich die dahinsiechenden Pferde noch als nützlicher [erweisen] als die dahinsie-
chenden Menschen. […] sie wurden geschlachtet […] und verbesserten ein wenig
die Suppe derer, von denen sie zu Tode geschunden worden waren“ (1990, 155;
vgl. Ruge 2012, 185). Ruge (2012, 258) bringt der Hungerwahn sogar zum Essen
von ungekochtem Fleisch eines rotzkranken Pferdes, das geopfert wurde, dessen
Leiche man aber vergeblich zu verbrennen versucht hatte.
Dass Brot das wichtigste Nahrungsmittel im Gulag ist, belegen Richters
Worte: „Ihm verdanke ich meine Gesundheit“ (1990, 308). Jenes Brot sei aber
glitschig und bestehe „zu einem Großteil aus Hafer- oder Gerstenkleie“ (2012,
184–185), berichtet Ruge, die tägliche Brotration während der Quarantäne wiege
600 Gramm (2012, 184), später, bei Erfüllung der Arbeitsnorm, 500 (2012, 208),
und bei Arrest 300: „zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel“ (2012, 232). Als
„Hauptnahrquell“ (Richter 1990, 308) angesehen, sind alle Häftlinge, wie Ruge
betont, auf Brot fixiert: „[M]eine Zeitrechnung beschränkt sich auf das Zählen der
Stunden bis zur nächsten morgendlichen Brotausgabe“ (Ruge 2012, 207). Zucker,
Öl, Fisch oder Grütze bekommen die Lagerinsassen nie (Ruge 2012, 185), neben
Brot gibt es nur dünnflüssige Suppe, von Damerius wie folgt beschrieben:
Jahrelang aßen wir Suppe, die nach Petroleum schmeckte; der Kutscher, der die Zisterne
Pflanzenöl beförderte, tauschte Wodka gegen einige Liter Öl und, damit das Gewicht
stimmte, goß er Petroleum zu. Wasser hätte er nicht nehmen dürfen, das vermischt sich
nicht mit Öl oder schwimmt bei Frost als Eis auf dem Öl. (Damerius 1990, 82)12
Infolgedessen ausgemergelt und mit Lumpenkleidung werden die Sträflinge bei
extremer Kälte zur Schwerstarbeit gezwungen: Sie werden „bis 35 Grad minus
zur Waldarbeit hinausgeführt (bei Wind bis 30)“ (Ruge 2012, 209).13 Zudem sind
sie dreckig und werden von Läusen und Wanzen, im Sommer auch von Fliegen
und von Malaria übertragenden Mücken gepeinigt, bis sie krank werden. Die
häufigsten Krankheiten im Gulag sind Pellagra – oder Diarrhöe –, Hungerödeme
und Dystrophie. Sonst leiden die Lagerinsassen auch an Erfrierungen, an Heme-
12  Damerius (1990, 87–88) klagt diesbezüglich noch, dass die Suppe auf ihren Inhalt nicht kon-
trolliert oder geprüft wird.
13  Ruge tadelt zudem die organisatorische Sinnlosigkeit der Lagerpolitik: Dass zum Beispiel ein
hochqualifizierter Ingenieur, der sogar in Amerika gearbeitet hat, während des Zweiten Welt-
kriegs in der Sowjetunion „wegen eines deutschen Urgroßvaters für vergleichsweise lächerliche
Arbeiten ein[ge]spannt [wird] – die Instandhaltung von ein paar klapprigen Lkws und Motorboo-
ten im fernen Ural“ (2012, 198).
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Title
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Editor
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 350
- Keywords
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Category
- Lehrbücher