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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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„Er hat all die Jahre geschwiegen“    131 KPdSU, an die Untersuchungsrichter in Moskau und an den BevollmĂ€chtigten im Lager“ (1990, 244), und kann „niemals mitsingen, obwohl ich seit 1923 ununter- brochen Mitglied der Partei, bis heute Kommunist bin und mir nicht vorstellen kann, nicht mehr Mitglied der Partei zu sein“ (1990, 244). In diesen Worten mag trotzdem das „Risiko“ des Renegatentums anklingen, worauf Hans Sahl in der ErzĂ€hlung Schuld (1969) aufmerksam machte: „Es gibt, glaube ich, drei Phasen in der Entwicklung eines Marxisten zum Antimarxisten. In der ersten macht man Stalin, in der zweiten Lenin, in der dritten Marx selber fĂŒr die IrrtĂŒmer des Mar- xismus verantwortlich“ (1992, 148). 4 „auch wenn uns Schmerz und Scham den Nacken beugen“ Die Lebenserinnerungen von Trude Richter, Helmut Damerius und Wolfgang Ruge erfassen das PhĂ€nomen der persönlichen Rechenschaft von ĂŒberzeugten Kommunisten angesichts des Stalinismus in einer seiner grausamsten Erschei- nungen, dem Gulag. Dabei verstoßen die Autoren erstens gegen die eigene Gesin- nung, was als Vorbedingung fĂŒr die von Richter heraufbe schworene „rosige SchönfĂ€rberei“ der eigenen Darstellung gelten mag. Oder, wie Michael Rohrwas- ser solch eine Position erlĂ€utert: Gerade der Terror schien Ausweis moralischer GrĂ¶ĂŸe und Überlegenheit; nicht der Zweck sollte die Mittel heiligen, sondern die blutigen Mittel, der heilige Terror bewies die GrĂ¶ĂŸe des Ziels. [
] [W]enn Becher nach mehrfachen Suizidversuchen [der letzte im Moskauer Exi- lantenhotel Lux] der lebensrettenden Sowjetunion dankte, dann geht es nicht einfach um propagandistische LĂŒgen, dann setzt sich das Bild gegen alle RealitĂ€ten ins Recht. (Rohr- wasser 1996, 64) Zweitens verletzen Richter, Damerius und Ruge das in der DDR bis zuletzt gel- tende ideologische Tabu der Unfehlbarkeit des sowjetischen Modells, nach dem jede „Kritik [
] als konterrevolutionĂ€re Haltung entlarvt [wurde]“ (Rohrwasser 1991, 34 [Hervorhebung im Original]), was wiederum eine Darstellungsweise bedingt, die sich als unmögliches Gleichgewicht zwischen Verschweigen und/ oder Beschönigen und wahrheitsgetreuer Wiedergabe materialisiert. In Richters Totgesagt, Damerius’ Unter falscher Anschuldigung und Ruges Gelobtes Land mögen entsprechend etliche Details als Lichtpunkte gelten. Im GefĂ€ngnis wird gelesen und es kann Russisch gelernt werden, die Anwendung von physischer Gewalt scheint nicht nachweisbar zu sein. Die Gefangenen sollen eine positive Haltung zum Kommunismus und zur Sowjetunion bewahrt haben,
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Title
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Editor
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Miloơević
Publisher
De Gruyter Open Ltd
Date
2020
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Size
15.5 x 23.0 cm
Pages
350
Keywords
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, TransnationalitÀt
Category
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