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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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132    Maria Loreto Vilar gepriesen wird darüber hinaus die Schönheit der Steppenlandschaft und der Taiga. Im Gulag soll nicht zuletzt auch für Kultur gesorgt worden sein, für Theater zum Beispiel. Eventuell bietet die Arbeit als Brigadier bei der Heumahd bessere Überlebenschancen als die Waldarbeit. Nach überstandener Lager- und Verban- nungszeit verfügen die deutschen kommunistischen Exilanten über etwas Geld und dürfen in die DDR umsiedeln, wo sie schnellstens integriert werden. Trotz aller Beschönigung überwiegen aber die negativen Eindrücke. Die erste Station sind die Moskauer Gefängnisse: die Vermassung und die unerbittlichen Desin- fektions- und Badeprozeduren darin, die Ungewissheit über die eigene Zukunft und die Verurteilungen ohne Prozess. Die Umstände im Gulag danach erregen Entsetzen: es herrschen Betrügerei und Parasitentum; der Hunger ist extrem; unmenschliche körperliche Arbeit muss bei der bittersten Kälte im sibirischen Wald geleistet werden. Hohe Sterbezahlen unter den Häftlingen sind die unmit- telbaren Folgen von alledem, sowie von Krankheiten, von Unfällen und nicht zuletzt von Suizid. Die letzte Station, die ewige Verbannung, vervollständigt die Isolation von der Außenwelt. Schuld an der Rechtlosigkeit sind schließlich der Stalinismus und seine Terrormaschinerie, Tabu-Themen in der DDR. Solche Memoiren sind meines Erachtens folglich als ambivalente Opfernar- rative – als Beispiele für verschriftlichte Gulag-Erinnerungen zwischen Tabu und Tabubruch – zu lesen, nicht als Erinnerungs manipulationen, Fälschungen der Realität oder gar Lügen bzw. Selbstlügen abzuwerten. In dieser Hinsicht soll der hier unternommene Versuch einer kontrastiven Erfassung ihres Zeugnischarak- ters dazu beitragen, die jeweiligen Schreib- und Publikationsmotivationen zu ermitteln. Das scheint mir aus unserer Perspektive zu Beginn des einundzwan- zigsten Jahrhunderts relevant zu sein: erstens angesichts der Tatsache, dass „ein […] europäischer Umdenkprozess mit Blick auf die Opfer des Stalinismus noch nicht stattgefunden“ (Assmann 2016, 160) hat, was einerseits wohl auf der „Totalitarismus-These“ oder dem „tief verankerte[n] Tabu“ der Einstufung von Stalinismus und Nationalsozialismus als „zwei Varianten desselben Phäno- mens“ (Assmann 2016, 161) – gegenüber der „Singularitätsthese“ des Holocausts – zurückzuführen sein mag, andererseits aber sicherlich auch am Vorhandensein solcher kontroversen Lebenserinnerungen von Gulag-Überlebenden wie Richter, Damerius und Ruge liegen könnte; und zweitens in Anbetracht der jüngsten „mentalitätsgeschichtliche[n] Wende“ (Assmann 2016, 58), nach der, wie Aleida Assmann festgestellt hat, „[a]n der Stelle rechter und linker Ideologien […] die Menschenrechte als normative Grundlage für politisches Handeln, moralische Bewertung und historische Sensibilität [traten.]“ (2016, 58). Hierzu, und bei Beachtung der unter anderen von Rüdiger Pohl (2007, 118–146) und Michaela Hol- denried (2000, 11–14) festgelegten Funktionen des autobiografischen Erinnerns und Schreibens im Allgemeinen – Bildung des Selbstkonzepts, soziale Interak-
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Title
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Editor
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Publisher
De Gruyter Open Ltd
Date
2020
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Size
15.5 x 23.0 cm
Pages
350
Keywords
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Category
Lehrbücher
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