Page - 137 - in Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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Ingeborg Jandl
Weder Held noch Opfer: Trauma, Identität
und die gesellschaftliche Position von
Kriegsheimkehrern bei Svetlana Aleksievič,
Faruk Šehić und Andrej Gelasimov
Die Rollen von Opfer und Täter*in werden obsolet, wenn sie durch dieselbe
Person verkörpert sind. Im Falle von Kriegsheimkehrern ist dies in unterschied-
licher Weise stets der Fall, da diese zum einen aktiv am Krieg partizipiert und
zum anderen selbst physisches sowie psychisches Leid erlitten haben. Über
beides wird am häufigsten anhand der Rollenzu schreibung des Helden hinweg-
getäuscht, die diesen Widerspruch zu tilgen scheint, indem sie sowohl die Täter-
identität als auch die menschliche Schwäche traumatisch Gebrochener relativiert
und positiv umdeutet.
Im Folgenden werden Texte von Svetlana Aleksievič, Andrej Gelasimov und
Faruk Šehić behandelt, die mit dieser Tradition brechen, indem sie schwache,
durch die Kriege in Afghanistan, Tschetschenien und Jugoslawien traumatisierte
Persönlichkeiten aus der Innenperspektive zeigen: Die Beispiele verwehren sich
einer klaren Festlegung sowohl auf Opfer- als auch auf Täter- oder Heldennarra-
tive, da es zu allen Anknüpfungspunkte zu geben scheint, die sich wechselseitig
konterkarieren. Dabei liegen jeweils auch wertende Außenperspektiven auf die
Zusammenhänge zwischen Individuum und Krieg vor. Kriegstrauma, Kriegsiden-
tität und Erinnerungskultur sind jene drei Paradigmen, anhand derer im vorlie-
genden Beitrag versucht wird, die gesellschaftliche Position von Kriegsteilneh-
mern auszuloten. Alle drei eignen sich zur Verhandlung von Opfernarrativen, da
Traumatisierung eine Opferrolle nahelegt, während anhaltende Kriegsinstinkte
eher mit Täternarrativen in Verbindung zu stehen scheinen und die spezifischen
Diskurse im Rahmen von Erinnerungskulturen oft auf eine klare argumentative
Festschreibung von Opfer- und Täterrollen abzielen.
Nach einer Reflexion der durch das Korpus vorgegebenen Gratwanderung
zwischen dokumentarischem und literarischem Schreiben stehen in den fol-
genden Kapiteln ‚Kriegstrauma‘, ‚Kriegsidentität‘ und ‚Erinnerungskultur‘ im
Zentrum. Der in den untersuchten Texten jeweils ähnliche Diskurs um Opfer ohne
Anspruch auf eine Opferrolle wird anhand dieser drei Bereiche jeweils indirekt
offengelegt: Symptome von Kriegstraumata, wie Angstzustände und Schlafstö-
rungen, zeugen von einer inneren Versehrtheit der betroffenen Kriegsteilnehmer
und entziehen Heroisierungsversuchen von vornherein jede Grundlage.
Unter ‚Kriegsidentität‘ werden im Folgenden typische reflexbasierte Hand-
Open Access. © 2020 Ingeborg Jandl, publiziert von De Gruyter.
Dieses
Werk ist lizenziert unter der Creative Commons Attribution 4.0 Lizenz.
https://doi.org/10.1515/9783110693461-007
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Title
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Editor
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 350
- Keywords
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Category
- Lehrbücher