Page - 139 - in Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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Weder Held noch Opfer
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Faruk Šehić veröffentlichte den autobiografischen Roman Pod pritiskom
[Unter Druck] über seine Teilnahme am Bosnien-Krieg 2003, knapp zehn Jahre
nach seinen darin behandelten Erfahrungen. Auch das spätere, erzählende Ich
ist deutlich von den Kriegsfolgen gezeichnet; es berichtet durch das Prisma von
Erinnerungslücken, Alkohol und traumatischem Wiedererleben. Diese Merkmale
sowie Alpträume, Angstzustände, emotionale Instabilität und die Schwierigkeit,
in den gewohnten Alltag zurückzufinden, schildern auf sehr ähnliche Weise
auch Aleksievičs Zeugen des Afghanistan-Krieges, und sie prägen außerdem die
Figuren in Andrej Gelasimovs 2002 erschienener, international ausgezeichneter
Novelle Žažda [Durst]. Den Ausgangspunkt dieses dritten Texts bilden ebenfalls
reale Erfahrungen, die der Autor aus den Erzählungen von Tschetschenien-Heim-
kehrern aus seinem Bekanntenkreis übernommen hat (G, 4).2
Trotz der unterschiedlichen produktionsästhetischen Verhältnisse zwischen
direkter bzw. indirekter Kriegserfahrung und Schreiben gleichen die drei Texte
einander in der Darstellung des subjektiven Erlebens sowohl von Traumatisie-
rung durch den Krieg als auch der dadurch bedingten Kluft zwischen Individuum
und Gesellschaft. Kritisch skizziert wird außerdem jeweils die öffentliche Sicht
auf ehemalige Kriegsteilnehmer. Die Schilde rungen von Kriegsfolgen auf Basis
von Zeugenberichten, erinnernder Rekonstruktion und fiktionaler Formung ent-
halten daher vergleichbare Momente, die eine sinnvolle Basis für ihre gemein-
same Behandlung im vorliegenden Artikel darstellen.
So unterschiedlich dokumentarisches, autobiografisches und fiktionales
Schreiben in Herangehensweise und Poetik auch sind, so bemerkenswert ähnlich
ist in den gewählten Texten die Perspektive auf Kriegsheimkehrer. Einen Grund
dafür stellt sicherlich die hybride Form aller drei Texte dar, die zwar unterschied-
lichen Gattungen zuzuordnen sind, wobei jedoch zu bedenken bleibt, dass Svet-
lana Aleksievičs dokumentarische Prosa das ursprüngliche Material faktualer
Zeugenberichte etwa durch Auswahl und Komposition relevanter Passagen bis zu
einem gewissen Grad literarisch formt, was für Faruk Šehićs Erfahrungen ebenso
gilt, die er durch das Schreiben zu einem künstlerischen Narrativ ordnet. Umge-
kehrt bezieht sich der fiktionale Roman von Andrej Gelasimov auf Kriegserinne-
rungen und damit auf faktuale Quellen.
2 Im Folgenden verweise ich auf die Primärtexte mit den Siglen: A für Aleksievič 1991 und Alek-
sijewisch 2016 (dt.); G für Gelasimov 2011 und Gelassimow 2011 (dt.); Š für Šehić 2008; i verweist
auf die online verfügbare russische Neuauflage von Aleksievič (2006). Die Auflagen von Cinkovye
mal’čiki unterscheiden sich teilweise stark voneinander. Passagen, die in der deutschen Ausgabe
nicht enthalten sind, wurden von mir übersetzt.
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Title
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Editor
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 350
- Keywords
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Category
- Lehrbücher