Page - 140 - in Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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140â â Ingeborg Jandl
Parallelen zwischen faktualen und fiktionalen Texten wurden bereits in
anderen ZusammenhÀngen festgestellt: So erkennen etwa Kai Marcel Sicks
und SĂŒnne Juterczenka an einem Korpus faktualer und fiktionaler RĂŒck-
kehrerzĂ€hlungen eine gleichermaĂen fiktionalisierend-ausschmĂŒckende ErzĂ€h-
lung der Heimkehr (Sicks und Juterczenka 2011, 12). Interessanterweise gehen
demgegenĂŒber alle drei hier untersuchten Texte kaum auf die Heimkehr als Motiv
ein, was auch insofern bemerkenswert ist, als sich das Ur-Narrativ des Kriegs-
heimkehrers â Homers Odyssee â völlig auf die Heimreise und das Ankommen
des Helden konzentriert. Lediglich bei AleksieviÄ erwĂ€hnen manche der ehema-
ligen Soldaten kurz die Wahrnehmung der verÀnderten UmstÀnde im Moment
der RĂŒckkehr â verĂ€nderte Beziehungs situationen und ein verĂ€ndertes Lebens-
gefĂŒhl. Dass die Heimkehr an sich in den gewĂ€hlten Texten nicht ausfĂŒhrlicher
thematisiert wird, kann als programmatisch fĂŒr das Scheitern der sozialen Wie-
dereingliederung verstanden werden, das stattdessen in den Skizzierungen der
neuen Lebenssituation jeweils im Vordergrund steht.3
Die Ăhnlichkeiten der im Folgenden behandelten Texte sind auĂerdem mit
ihrer pazifistischen Grundhaltung und mit ihrem gesellschaftspolitischen Anlie-
gen zu erklĂ€ren, ein Bewusstsein fĂŒr eine Randgruppe der Gesellschaft zu schaf-
fen: Anders als die in Russland bis heute als siegreiche Helden inszenierten Sol-
daten des Zweiten Weltkrieges (des âGroĂen VaterlĂ€ndischen Kriegesâ) werden
ehemalige Kriegsteilnehmer aus Afghanistan, Tschetsche
nien und Jugoslawien
öffentlich nur eingeschrÀnkt thematisiert, da die entsprechenden Kriege sich
aus unterschiedlichen GrĂŒnden nicht fĂŒr ruhmvolle Inszenierungen eignen. Zu
klar ist jeweils das Bewusstsein um Verluste sowie darĂŒber, wie wenig durch
die Kampfhandlungen erreicht wurde. Im Kontext von Afghanistan und Tschet-
schenien kommt dazu noch die nachtrĂ€gliche Erkenntnis ĂŒber Manipulation
und Fehlinformationen, zumal diese Kriege von den politisch Verantwortlichen
jeweils als humanitÀrer Einsatz dargestellt wurden (Welch 2003, 152).
Aleida Assmann reflektiert die Bedeutung individueller Erinnerungs
narrative
fĂŒr die historische Ăberlieferung wie folgt:
Erinnerung als verkörperte und geteilte Geschichtserfahrung ist an diesen grundlegenden
Rhythmus der Generationen gebunden, der Geschichte im GedÀchtnis der Gesellschaft so
vielstimmig, komplex und strittig macht. Heterogene Perspektiven bestehen nebenein-
ander und fĂŒgen sich nicht zu einer gemeinsamen Geschichte, geschweige denn zu einer
3â
Motive einer nur bedingt geglĂŒckten Heimkehr aus dem Krieg untersuchte fĂŒr den sowjeti-
schen Kontext bereits Olena Sivuda (2014, 127â137). Elisabeth Frenzel nennt zahlreiche Beispiele
fĂŒr Kriegsheimkehrer mit Anzeichen von Traumatisierung in der europĂ€ischen Literatur (1999,
336â339).
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Title
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Editor
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana MiloĆĄeviÄ
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 350
- Keywords
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, TransnationalitÀt
- Category
- LehrbĂŒcher