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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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Weder Held noch Opfer    143 – Pramidol. Und jemand anders sagte: – Warum gibst du ihm so viel? […] Ihre Stimme: – Weißt du, was für Schmerzen er hat? Lass ihn noch etwas schlafen. […] Später fingen die Träume an, und ich begann sie zu fürchten. Weil ich mich erinnerte. Ich sah alles im Traum. (G, 73) Wie die weiteren Schilderungen verdeutlichen, ist die psychische Belastung lang- fristig schwerer zu ertragen als die physischen Schmerzen. Die Grenzerfahrungen des Krieges werden jedoch auch darin deutlich, dass die verwundeten Soldaten in ihrer Verletzlichkeit ähnlich empfinden wie Kinder. Gelasimov überblendet Kostjas Erwachen im Lazarett mit einem Trauma aus dessen Kindheit: mit der Erinnerung an die Untreue seines Vaters, die mit dem physischen Schmerz einer etwa zeitgleich durchgeführten Blinddarm operation assoziiert ist. Körperliche und seelische Verletzungen werden dadurch besonders stark in ihrer wechsel- seitigen Verwobenheit deutlich und umspannen als assoziatives Netz fast alle Lebensbereiche. Aleksievičs Aufzeichnungen lassen die Verletzlichkeit in ähn- licher Form erkennen, denn auch hier gelten die primären Bedürfnisse der Ver- wundeten mütterlicher Zuwendung und Nähe: „Они кричали всегда: ‚Мама!‘ Когда болит… И страшно… Других имен я не слышала…“ (A, 21) [„Die Jungs haben immer ‚Mama!‘ geschrien, wenn’s zu schlimm war, wenn die Schmerzen zu groß waren. Andere Namen hab ich nicht gehört“ (A, 42)]. Šehić lässt am Ende seines Texts das traumatische Erleben die Überhand gewinnen. Die Vorfreude auf das Finale der Fußball-Champions-League wird durch eine apokalyptische Kriegsvision überlagert; und anders als die Erwartung des Sportevents annehmen lässt, endet Šehićs Text mit der imaginierten Auslö- schung des erzählenden Individuums: Sutra naveče je Liga šampiona. […] Apokalipsa će doći u obliku fotonskog torpeda. Bez najave, masovnih scena patnje, Drugog dolaska, zvijeri, vrisaka i ceremonija. Ona će doći iz svih pravaca i zabiti se u jednu sićušnu tačku. Moje srce. (Š, 193) [Morgen Abend ist Champions League. […] Die Apokalypse wird in Form eines Photonentorpedos eintreffen. Ohne Vorwarnung, Mas- senunruhen, Zweite Ankunft, Ungeheuer, Schreie und Zeremonien. Sie wird aus allen Rich- tungen gleichzeitig kommen und in eine Zielscheibe treffen. Mein Herz.] Eine solche performative Präsenz des Traumas, die am Ende des Texts gewis- sermaßen die Tilgung des zuvor Erzählten bedeutet, ist kein bloßer literarischer Effekt, sondern beschreibt die Realitätswahrnehmung trauma tisierter Menschen, die den diagnostischen Merkmalen einer posttrauma tischen Belastungsstörung in der Internationalen Klassifikation psychischer Störungen (ICD-10) entspricht: u.a. sind hier Amnesie, eingeschränkte Aufnahmefähigkeit, veränderte Realitäts-
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Title
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Editor
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Publisher
De Gruyter Open Ltd
Date
2020
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Size
15.5 x 23.0 cm
Pages
350
Keywords
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Category
Lehrbücher
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