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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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Weder Held noch Opfer    151 da ihre körperlichen und seelischen Verletzungen nicht auf Kriegshandlungen zurückzuführen sind. Direkt damit in Verbindung steht auch die andere Seite, jene der Soldaten, von denen einige durch die extremen Erlebnisse im Krieg ihre emotionale Sensi- bilität verlieren und sich zugleich ein Sexualverhalten aneignen, das hauptsäch- lich der Beruhigung gilt und dabei hilft, mit psychotischen Angststörungen fertig zu werden. Wie Faruk Šehić beschreibt, bleibt diese veränderte Wahrnehmung – gemeinsam mit den Ängsten – mitunter auch nach dem Krieg erhalten: Zaljubio se u ženu sa jumbo plakata. […] Glava mi se okreće kao ventilator da bih pohvatao sve te guzove & sise & drčne face sa slatkim okicama. Stvarno sam jedan perverzni tride- settrogodišnjak, sram me i stid bilo. (Š, 152) [Ich verliebte mich in die Frau von einem Jumbo-Plakat. […] Wie ein Ventilator verdrehte ich den Kopf, um alle Hintern & Brüste & trotzigen Fratzen mit den süßen Äuglein zu erspähen. Ich bin wirklich ein perverser Dreiunddreißigjähriger, Scham und Schande über mich.] An Šehićs Text fällt außerdem eine besondere Häufigkeit sexueller Handlun gen auf, die ebenfalls ihren Platz unter mentalen und physischen Strategien der Beru- higung einnehmen. Als Herausforderung beschreiben ehemalige Kriegsteilnehmer jedoch auch den zwischenmenschlichen Aspekt von Liebesbeziehungen. Einer von Aleksievičs Gesprächspartnern beschreibt seine Beziehung zu Frau und Tochter als tägli- che harte Arbeit. Da seine Bemühungen, Liebe für sie zu empfinden, erfolglos bleiben, plagen ihn ein schlechtes Gewissen und ein Gefühl der Sinnlosigkeit: Любовь… Категория не земная… Я не могу сказать, что я люблю. Сейчас я уже женат, у меня есть маленькая дочь, но я не знаю, что это – любовь или что-то другое, хотя я за них горло перегрызу, в асфальт вкопаю. Жизнь отдам!! Но что такое любовь? Люди признаются, что они любят, так они себе это представляют, но любовь – это дикая, кровавая и ежедневная работа. (A, i) [Liebe… Eine Kategorie nicht von dieser Welt… Ich kann nicht sagen, dass ich liebe. Jetzt bin ich schon verheiratet, habe eine kleine Tochter, aber ich weiß nicht, ob das Liebe ist oder etwas anderes, obwohl ich für sie die Kehle durchbeißen und im Asphalt vergraben würde. Ich gebe mein Leben!! Was ist Liebe? Menschen gestehen ihre Liebe, so stellen sie es sich vor, aber Liebe, das ist eine harte, blutige, tagtägliche Arbeit.] Ein weiterer Afghanistan-Heimkehrer beschreibt ebenfalls seine nach dem Krieg abgestumpften Gefühle, die ihn zu dem Entschluss veranlassen, das Mädchen, in das er vor seiner Abreise verliebt war, nicht über seine Rückkehr zu informieren. Als sie ihn von sich aus aufsucht, bereit, ihm bei der Verarbeitung der Kriegser-
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Title
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Editor
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Publisher
De Gruyter Open Ltd
Date
2020
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Size
15.5 x 23.0 cm
Pages
350
Keywords
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Category
Lehrbücher
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