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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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152    Ingeborg Jandl fahrung beizustehen, konfrontiert ihn diese Begegnung mit seiner Entfremdung und dem Wunsch, sie zurückzuweisen: Я встречался до армии с девушкой, был влюблен. Приехал и не позвонил ей. Она случайно узнала, что я уже в городе, нашла меня. Зря искала… Не надо было встре- чаться… „Того человека, которого ты любила, и он тебя любил – нет, – сказал я ей. – Я – другой. Ну, другой я!“. Она плакала. (А, i) [Vor der Armee hatte ich eine Freundin und war verliebt. Als ich heimkehrte, rief ich sie nicht an. Sie erfuhr zufällig, dass ich schon in der Stadt bin und kam zu mir. Sie hat mich umsonst gesucht… Es wäre besser gewesen, wir hätten uns nicht getroffen… „Den Men- schen, den du geliebt hast und der dich liebte, gibt es nicht mehr“, sagte ich zu ihr. „Ich bin ein anderer. Also, ich bin anders.“ Sie weinte.] Nicht nur traumatisch bedingte Gefühlsunzugänglichkeit und Beziehungs- unfähigkeit sind ausschlaggebend für den Identitätsverlust im Sinne einer zwi- schenmenschlichen Verankerung des Selbst. Als besonders schlimm werden nämlich auch Trennungen beschrieben, wenn die in der Heimat zurückgeblie- bene Freundin während oder nach dem Krieg eine Beziehung beendet hat (А, 46). Zusätzlich zu der Verunsicherung gerät dadurch auch die Soldatenidentität ins Wanken, die anhand der Rolle des starken Verteidigers von Heimat und Partne- rin aufgebaut wurde. Dass Beziehungen aufgrund der Kriegsteilnahme beendet werden, führt also zu einem Widerspruch, der das Weltbild der Betroffenen erschüttert: Девушка меня ждала: „Ну – думаю, – завалю в первый день… В первый день трахну…“ А oна руку мою убирает с плеча: „Она вся у тебя в крови.“ Так либидо мне и отрезала на три года, три года я боялся к женщине подойти. Ё-мое! Нас же воспитывали: ты должен родину защищать, девушку свою защищать… Ты – мужчина… (A, i) [Meine Freundin wartete auf mich: „Also – denke ich – am ersten Tag lege ich sie flach… Am ersten Tag fick ich sie…“ Doch sie nahm meine Hand von ihrer Schulter: „Sie ist voll Blut.“ Meine Libido war danach drei Jahre lang verschwunden, drei Jahre lang hatte ich Angst, mich einer Frau zu nähern. Verdammt! Uns haben sie doch beigebracht: Du musst deine Heimat verteidigen, deine Freundin beschützen… Du bist ein Mann.] Wie die Beispiele unterschiedlicher Interviewpartner Aleksievičs zeigen, führen sowohl eine gefühlte innere Veränderung als auch die Distanzierung Naheste- hender zur Isolation ehemaliger Kriegsteilnehmer. Beide Aspekte kommen auch in Andrej Gelasimovs Novelle auf mehreren Ebenen zum Tragen. Besonders deut- lich werden sie an dem Protagonisten, der wegen seines durch Verbrennungen entstellten Gesichts die Gesellschaft meidet und aus demselben Grund auch umgekehrt in vielen Fällen von anderen gemieden wird; neben dem Rückzug in
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Title
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Editor
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Publisher
De Gruyter Open Ltd
Date
2020
Language
German
License
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Size
15.5 x 23.0 cm
Pages
350
Keywords
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Category
Lehrbücher
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